{"id":9117,"date":"2013-07-06T12:37:01","date_gmt":"2013-07-06T11:37:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=9117"},"modified":"2014-08-19T19:38:19","modified_gmt":"2014-08-19T18:38:19","slug":"traenengas-twitter-eine-anarchistische-analyse-aus-dem-gezi-park-istanbul","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/traenengas-twitter-eine-anarchistische-analyse-aus-dem-gezi-park-istanbul","title":{"rendered":"Tr\u00e4nengas &#038; Twitter \u2013 Eine anarchistische Analyse aus dem Gezi Park, Istanbul"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Proteste-in-Istanbul.jpg\" rel=\"lightbox[9117]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-9120\" alt=\"Proteste in Istanbul\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Proteste-in-Istanbul-250x167.jpg\" width=\"200\" height=\"134\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Proteste-in-Istanbul-250x167.jpg 250w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Proteste-in-Istanbul.jpg 380w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>\u00fcbernommen von lesci.blogsport.eu<\/em><\/p>\n<p>im Folgenden eine Schnell\u00fcbersetzung des Textes \u201e<a href=\"https:\/\/linksunten.indymedia.org\/en\/node\/89802\" target=\"_blank\">Tear Gas &amp; Twitter in Taksim \u2013 An anarchist eyewitness analysis from Gezi Park, Istanbul<\/a>\u201c, zuerst ver\u00f6ffentlicht auf <a href=\"http:\/\/www.anarkismo.net\/article\/25761\" target=\"_blank\">anarkismo.net<\/a> und zur Zeit der Gezi Park R\u00e4umung, am Wochenende um den 16. Juni, geschrieben. Die \u00dcbersetzung setzt erst beim analytischen Teil des Artikels ein (die Erlebnisse im ersten Teil wurden an dieser Stelle weggelassen).<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<em>Erdogan is no Hitler<\/em><\/p>\n<p>Erdogan ist, bei einem gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung, berechtigterweise beliebt. Er brachte Wohlfahrtsprogramme auf den Weg, welche eine reale Lebensverbesserung f\u00fcr die \u00e4rmsten Schichten in der t\u00fcrkischen Gesellschaft bedeuteten. Im Gegensatz zum restlichen Europa w\u00e4chst die t\u00fcrkische Wirtschaft sehr schnell, teilweise durch einen Entwicklungs- und Investitionsboom angetrieben, wovon das Gezi Park Projekt eben nur ein Teil ist. Wie durch den Neoliberalismus anderswo auch, ging ein Gro\u00dfteil der Profite dieser Entwicklung nat\u00fcrlich an die herrschende Klasse. Aber der pl\u00f6tzliche Einbruch im Lebensstandart des Proletariats, welcher \u00fcberall in Europa mit dem Einbruch der Krise begann und seinen Ausdruck in der Occupy und M15 Bewegung fand, spiegelte sich so nicht in der T\u00fcrkei wieder.<\/p>\n<p>Es ist nur wenig oppositioneller Spielraum gegeben, aber bevor Erdogan an die Macht kam, gab es auch nicht wesentlich mehr. Der wichtige Unterschied war, dass er neue, religi\u00f6s motivierte Moralgesetze erlie\u00df, z.B. eine zeitliche Beschr\u00e4nkung f\u00fcr Alkoholverkauf. In einer Gesellschaft, welche sich an der Frage religi\u00f6s vs. s\u00e4kular spaltet, spricht Erdogan f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung. Er hat dies populistisch eingesetzt, als er f\u00e4lschlicherweise behauptete, Demonstranten h\u00e4tten drei Tage lang eine Party mit Alkohol in einer Moschee gefeiert \u2013 der Imam dieser Moschee wurde entlassen, als er diese L\u00fcge \u00f6ffentlich entlarvte. Eine <a href=\"http:\/\/www.todayszaman.com\/news-318446-survey-reveals-growing-public-apprehension-over-democratic-process.html\" target=\"_blank\">Meinungsumfrage w\u00e4hrend der Proteste<\/a> hatte zum Ergebnis, dass er 53% R\u00fcckhalt genie\u00dft, die h\u00f6chste Zustimmungrate, die ein Europ\u00e4ischer Politiker in den letzten Jahren f\u00fcr sich verbuchen konnte. Dieselbe Umfrage ermittelte, dass die Gesellschaft bez\u00fcglich der Proteste je zur H\u00e4lfte in ein pro und contra Lager gespalten war.<\/p>\n<p>Die \u201eHuman Rights Foundation Of Turkey\u201c ermittelt ca. 640.000 Demonstranten in den Anti-Regierungsdemonstrationen am 5.Juli. Wenn die Teilnehmer der Versammlungen, in den Erdogan sprach, zusammengez\u00e4hlt werden, dann bringen beide Seiten in etwa die gleiche Anzahl an Leuten auf die Stra\u00dfe. Obwohl erw\u00e4hnt werden muss, dass eine davon freien Transport bekam und die andere freies Gas. Aber nochmals, hier geht es um eine in der Mitte zerrissene Gesellschaft, welche nicht durch Klassengegens\u00e4tze polarisiert ist, sondern durch die Gegens\u00e4tze Stadt-Land, Religon-S\u00e4kular und Alt-Jung.<\/p>\n<p>Das bedeutet, Gezi Park hat mehr \u00c4hnlichkeit mit Occupy und M31, als mit dem Tahrir und dem Kampf f\u00fcr Demokratie in \u00c4gypten. Der Kampf in der T\u00fcrkei dreht sich nicht um parlamentarische Demokratie \u2013 diese existiert bereits, w\u00e4hrend ihre dunklen Flecken auch nicht viel gr\u00f6\u00dfer sind, als die in Europa oder Nordamerika. Der Unterschied wird in der Analyse der Verteidigung des Platzes deutlich: auf dem Tahrir wurden Steine und Katapulte in riesigen Mengen zum Schutz der Besetzung verwendet, gegen eine Polizei, welche in sehr \u00e4hnliche Taktiken wie in Istanbul einsetzte. Hunderte starben in den folgenden Auseinandersetzungen, aber sie hielten den Platz.<\/p>\n<p>In Istanbul war die Verteidigung oft eine passive, Barrikaden wurden gebaut aber selten verteidigt, Steine wurden nur vereinzelt und von wenigen geworfen. Die Menge schloss sich in Seitenstra\u00dfen zusammen, bauten vielleicht noch eine Barrikade bevor sie mit Gas angegriffen wurde, sich zerstreute und sich erst wieder formierte, wenn die Polizei verschwand, um an andere Stelle den Protest anzugreifen \u2013 ein Prozess, welcher in diesem <a href=\"http:\/\/vimeo.com\/68631017\" target=\"_blank\">Zeitraffervideo aus Istanbul<\/a> sehr anschaulich dargestellt ist. Aktive Verteidigung der Barrikaden war mehr symbolisch, im Gegensatz zum Tharir-Fr\u00fchling, wo der Himmel \u00fcber der Polizei oft schwarz vor lauter fliegenden Steinen war. Devrimci Anar\u015fist Faaliyet ver\u00f6ffentlichten einen sehr anschaulichen <a href=\"http:\/\/anarsistfaaliyet.org\/english\/we-are-wining\/\" target=\"_blank\">Eindruck \u00fcber die Barrikadenk\u00e4mpfe<\/a>. Es gab einige Beispiele von fliegenden Molotows, aber die bestdokumentierteste Situation war, als Zivilpolizei in der Menge den Einsatz von Riotcops um den Gezi Park sp\u00e4ter an diesem Tag provozierten sollten.<\/p>\n<p>Das Konftontationsniveau von Seiten der Park Besetzter ging nicht \u00fcber die Bildung von Menschenketten zur Verhinderung von Auseinandersetzungen mit der Polizei hinaus \u2013 Das ganze wurde als Massnahme zum Schutz vor Provokateuren ausgegeben. Einige nordamerikanische Inusurrektionisten denunzierten dies online, doch sie konnten den deutlich andern Kontext der Bewegung in Istanbul, verglichen mit z.B. Oakland, nicht verstehen. Die taktische Frage hinsichtlich des Einsatzes von Gewalt in Protesten ist eine komplexe, der an dieser Stelle nicht in aller Ausf\u00fchrlichkeit nachgegangen werden soll. Nur soviel: Ich bin sicherlich kein Pazifist und denke, dass sich in vielen Situationen Pazifismus eher als kontraproduktiv erweist.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Oakland fliegende Steine und klirrende Scheiben als PR Problem eingestuft wurden (von denjenigen, die dagegen waren), gab es in Istanbul dir Bef\u00fcrchtung, dass solche Aktionen zu deutlich h\u00e4rteren Polizeieins\u00e4tzen und eventuell zu einer Milit\u00e4rintervention f\u00fchren k\u00f6nnten. Der Europaminister sprach die Warnung aus:\u201cVon jetzt an wird der Staat alle, die im Gezi Park bleiben, als Unterst\u00fctzer oder Mitglieder einer Terrororganisation betrachten\u201c. Erdogan hat die Besetzter in den Medien ebenfalls als Terroristen bezeichnet. In einer Situation, in der viele bef\u00fcrchteten, dass scharf geschossen wird, sobald ein Anlass besteht, beschlossen sie, sich auf Taktiken zu beschr\u00e4nken, welchen die Repression \u201enur\u201c mit Wasserwerfer oder Tr\u00e4nengas begegnet. Der Hintergrund daf\u00fcr ist die die Unterdr\u00fcckung der t\u00fcrkischen Linken in den 70er und 80er, \u00e4hnlich der in S\u00fcdamerika zur gleichen Zeit, mit ihrer Brutalit\u00e4t, der Folter und dem verschwindenlassen. Wenn die Selbstbeschr\u00e4nkung auf gewisse Taktiken Teilen der Gezi Park Besetzer vorgeworfen wird, sollte erst einmal die Situation vor Ort genau ber\u00fccksichtigt werden, welche sich von der Lebensrealit\u00e4t dieser \u201eKritikern\u201c doch deutlich unterscheidet.<\/p>\n<p><em>Tweeting the cycles of squares<\/em><\/p>\n<p>Gezi Park ist der Beginn der 4. Runde im Kampf um die Pl\u00e4tze. Wir K\u00f6nnen Kairo als einen Startpunkt begreifen, weitergetragen in der weltweiten Occupybewegung, bis hin zu M15 in Spanien. Diese K\u00e4mpfe haben ihre eigenen Merkmale aber auch deutliche Gemeinsamkeiten wie einen \u00e4hnlichen \u201eGeist\u201c, \u00e4hnliche Methoden und Erscheinungsbild, und nicht zuletzt das #, welches auf jedem Schriftst\u00fcck, Poster oder Transparent auftaucht. Alle sind Teil eines gemeinsamen Lernprozesses in dem wir uns genau beobachten, von einander lernen und nat\u00fcrlich besuchen und mitmachen. Eine der ersten schweren Verletzungen in Istanbul, traf einen Besucher aus Kairo. Wenn ich in Gezi war, traf ich Leute auf Europa, Nordamerika und von weiter weg \u2013 eine winzige Minderheit in der gesamten Menge, aber Menschen, die sich als Teil einer weltweiten Suchbewegung sehen. Schlie\u00dflich waren wir zu f\u00fcnft aus Irland am einen oder anderen Ort, sicherlich waren da noch mehr Iren, und ich traf Menschen, mit denen ich zuletzt vor 2 Jahrzehnten in der Zapatista-Solidarit\u00e4t zusammen gearbeitet hatte.<\/p>\n<p>Ich verbrachte viel Zeit mit einem Militanten der DAF (<a href=\"http:\/\/anarsistfaaliyet.org\/\" target=\"_blank\">Revolutionary Anarchist Action<\/a>) um \u00fcber die Einordnung der K\u00e4mpfe in die T\u00fcrkische und Globale Politik zu sprechen. Als wir Internetseiten und eMail Adressen austauschten und ich die Website von DAF, der auff\u00e4lligsten Gruppe am Platz checkte, sah ich, dass sie nicht nur eine sehr detaillierte <a href=\"http:\/\/issuu.com\/faaliyet\/docs\/an_anarchist_criticism_to_occupy\" target=\"_blank\">Analyse von Tahrir und Occupy<\/a> online hatten, sie hatten sie auch ins englische \u00fcbersetzt. Nun, f\u00fcr einige Tage im Juni, war der Gezi Park Bezugspunkt einer globalen Bewegung, und jeder mit dem ich sprach war sich dessen Bewusst.<\/p>\n<p>Einen Teil des Hintergrundrauschens dieser Periode bildet der (oftmals kontraproduktive) Umgang traditioneller linker Organisationen mit den Neuen Bewegungen. Das schlie\u00dft den Aufruf mit ein, diese Bewegungen sollten die alten Organisationsformen und Terminologien \u00fcbernehmen, obwohl es gerade die neuen Formen und Ausdr\u00fccke sind, welche diese Bewegungen zu solchen machten. Zentrales Element ist hier die Transformation von Methoden der Organisierung hin zu solchen, welche durch das Internet m\u00f6glich wurden \u2013 Eine Transformation, welche immer mehr Organisationsbereiche der traditionellen Linken verdr\u00e4ngt. Ein Spaziergang durch Gezi, war ein Spaziergang durch eine Welt von Hashtags. Auf jedem freien Pl\u00e4tzchen, auf jedem Plakat oder Transparent, sogar die Zelte waren mit Hashtags versehen. In Istanbul konntest du ziemlich genau sagen, wenn die Repression (auf den Stra\u00dfen) sich n\u00e4hert, weil pl\u00f6tzlich eine menge Leute auf ihr Smartfon starrten.<\/p>\n<p>Ich hatte keine Data Roaming Service in Istanbul. Also hatte eine Freundin in Irland twitter f\u00fcr mich im Blick und schickte mir SMS-Warnungen, wenn sich etwas zusammenbraute. Schlie\u00dflich kam ich zu dem Schluss, dass twitter-Networking (meiner frischen Erfahrungen) von meinem Hotel aus n\u00fctzlicher sein kann, als durch durch die Stra\u00dfen zu rennen. Mit der Revolte in Istanbul sollte die Debatte \u00fcber den Sinn und Zweck Sozialer Medien f\u00fcr eine Reallife-Organisierung endlich beendet sein \u2013 sie ergibt einfach keinen Sinn mehr. Wenn Erdogan erkl\u00e4rt: \u201e<i>Soziale Medien sind die schlimmste Gefahr f\u00fcr die Gesellschaft<\/i>\u201c oder \u201e<i>Es gibt jetzt eine Gefahr namens twitter<\/i>\u201c dr\u00fcckt er nur die \u00dcberraschung eines F\u00fchrers aus, welcher realisiert, dass seine Macht \u00fcber Medien und Informationen im schwinden ist.<\/p>\n<p><em>Class<\/em><\/p>\n<p>Im Gegensatz Occupy zeichnete sich Gezi Park duch die fast vollst\u00e4ndige Abwesenheit der schr\u00e4gen 99% vs. 1% Analyse aus. W\u00e4hrend ich \u00fcberall #OccupyGezi auf zahllosen Plakaten oder Transparenten sah, nahm ich das 99% Gerede kaum wahr. Durch die Popularit\u00e4t, welche Erdogan bei den l\u00e4ndlichen Armen genie\u00dft, war ein Klassenstandpunkt, welcher sich auf den Stadt \u2013 Land Unterschied bezieht, bei Gezi nicht vorhanden. Die <a href=\"http:\/\/www.taksimplatformu.com\/english.php\" target=\"_blank\">Forderungen der Taksimplattform<\/a> gingen nicht \u00fcber Umweltschutz, Korruption und Polizeigewalt hinaus. Auch in der Bewegung spielten Klasse oder \u00d6konomie keine Rolle. Auf Wikipedia wurde der Bewegungshorizont reduziert auf \u201ePressefreiheit, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und der R\u00fccknahme des t\u00fcrkischen S\u00e4kularismus durch die Regierung\u201c. Ein anderer Grund f\u00fcr das Fehlen einer Klassenperpektive von Gezi war, dass <a href=\"http:\/\/www.hurriyetdailynews.com\/ceos-in-turkey-back-gezi-park-protestors.aspx?pageID=238&amp;nID=48984&amp;NewsCatID=345#.UcG3lDR1dJc.twitter\" target=\"_blank\">erstaunliche 48%<\/a> der 137 CEOs in der T\u00fcrkei behaupteten, den Gezi Park w\u00e4hrend der Proteste besucht zu haben. 90% von ihnen erkl\u00e4rten die Proteste f\u00fcr gerechtfertigt.<\/p>\n<p>Das Fehlen eines Klassenstandpunktes war umso erstaunlicher, da die Linke und Gewerkschaften viel st\u00e4rker im Mittelpunkt der Geziproteste standen, als in jedem anderen Occupy Camp. Die radikaleren Gewerkschaften riefen \u201eGenalstreiks\u201c gegen die Repression aus, allerdings ist der Organisierungsgrad der Arbeiterklasse in der T\u00fcrkei sehr gering und radikale Gewerkschaften repr\u00e4sentieren h\u00f6chstens ca. 2% der Arbeiter. Unter <a href=\"http:\/\/www.libcom.org\/blog\/sleepless-istanbul-iv-20062013\" target=\"_blank\">\u201eSleepless in Istanbul\u201c<\/a> gibt es auf LibCom eine ganz gute Analyse \u00fcber die reale Militanz der t\u00fcrkischen Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Sobald du auf dem Taksim ankommst siehst du die Transparente der t\u00fcrkischen und kurdischen Linken. Ein Freund aus der T\u00fcrkei stellte die M\u00f6glichkeit in den Raum, dass die Gr\u00f6\u00dfe der Transparente sich in einem umgekehrten Verh\u00e4ltnis zur realen Gr\u00f6\u00dfe und Einfluss der Gruppen verhalten k\u00f6nnte. Umfragen haben ergeben, dass die starke Pr\u00e4senz dieser (Organisations-) Banner nicht zu einer Identifikation der Massen mit diesen Organisationen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Eine <a href=\"http:\/\/www.hurriyetdailynews.com\/protesters-are-young-libertarian-and-furious-at-turkish-pm-says-survey.aspx?pageID=238&amp;nID=48248&amp;NewsCatID=341\" target=\"_blank\">Umfrage der Bilgi Universit\u00e4t<\/a> ergab, dass die absolute Mehrheit der Protestierenden keine Verbindung zu irgendeiner politischen Partei hat. Der Hauptgrund, an den Protesten Teilzunehmen war ein Anti-Autorit\u00e4rer. Mehr als 90% nannten verschiedene Aspekte autorit\u00e4rer Politik, unter denen sie zu leiden h\u00e4tten. Fast 82% bezeichneten sich als Liberal (mehr in der europ\u00e4ischen als in der amerikanischen Bedeutung) und 75% sind eindeutig nicht konservativ. 92% haben nicht die herrschende AKP gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p><em>Inside Gezi Park<\/em><\/p>\n<p>Der Ausgangspunkt der Bewegung war die Abholzung der Parks im Rahmen eines Bauprojektes. Das Projekt befindet sich gr\u00f6\u00dftenteils unter der Erde, wodurch gr\u00f6\u00dfere Teile des Platzes teilweise in Mitleidenschaft gezogen werden. Besonders auf der westlichen Seite, wo der Park einige Meter \u00fcber dem Platz liegt. Die Geb\u00e4ude in diesem Bereich sanken auf das Niveau vom Platz ab und wurden dadurch teilweise zerst\u00f6rt. Zwischen Ger\u00fcsten, Bauabsperrungen und -Schutt fand sich eine Menge Barrikadenmaterial.<\/p>\n<p>Der Park liegt an allen vier Seiten \u00fcber dem Stra\u00dfenniveau, an zweien sogar betr\u00e4chtlich dar\u00fcber. Er hatte also auch schon vor dem Barrikadenbau eine gut zu verteidigende Lage. Als ich den Park besuchte, war jede Gr\u00fcnfl\u00e4che darin mit Zelten bebaut. Hunderte davon bildeten einen eigenen Bau mit, durch an B\u00e4umen befestigten Transparenten markierten Stra\u00dfen und Wegen. Verschiedenste Organisationen, einschlie\u00dflich der DAF, bauten St\u00e4nde \/ Infozelte an den etwas offeneren Ecken auf. Im Zentrum des Parks gab es einen Springbrunnen und eine B\u00fchne f\u00fcr Musik und Diskussionen\/Erkl\u00e4rungen.<\/p>\n<p>Die untere, s\u00fcd\u00f6stliche Ecke bestand aus etwas gr\u00f6\u00dferen Servicezelten, wie der Krankenstation und der K\u00fcche, in der kostenloses Essen angeboten wurde. \u00dcberall verstreut gab es Tische mit Flaschen voll von Anti-Tr\u00e4nengasmitteln. Einige kommerzielle Stra\u00dfenverk\u00e4ufer boten Essen an, r\u00fcsteten die Leute mit Helmen aus, mit Gasmasken und Schwimmbrillen.<\/p>\n<p>An den fr\u00fchen Abenden hatte diese ganze Szenerie etwas Festival \u00e4hnliches, wenn Hunderte durch den Park schlenderten. Da meine erste Erfahrung mit einem gro\u00dfen Tr\u00e4nengasangriff eine Massenpanik \u00e4hnliche Situation war, hatte ich doch etwas angespannte Nerven in meiner Zeit im Park. Ich stellte mir die Panik vor, wenn es in der belebten Enge zwischen all den Zelten zu einem solch massiven Tr\u00e4nengasangriff kommen sollte.<\/p>\n<p>So weit ich das beurteilen kann, bekamen die Aktionen im Gezi Park kein vergleichbares mediales internationales Interesse geschenkt, wie die Repressionen und Auseinandersetzungen auf dem Taksim. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, da Bilder von in Zelten sitzenden Menschen nicht den gleichen dramatischen Effekt haben, wie Menschen in Wolken von Tr\u00e4nengas oder wenn ihnen die Wasserwerfer die Beine wegziehen.<\/p>\n<p>Der Park ist relativ gro\u00df, ungef\u00e4hr ein Viertel bis Drittel des Taksim. Wenn er dochmal im Fernsehen auftauchte, dann mit der Barrikade aus ausgebrannten Autos am Eingang hin zum Platz.<\/p>\n<p><em>An intersectional practise ?<\/em><\/p>\n<p>Durch den gemeinsamen Akt der Besetzung und der Notwendigkeit, sich kollektiv gegen die staatlichen Angriffe, in Form von Tr\u00e4nengas und Wasserwerfern, zu verteidigen, war Gezi Park in vielerlei Hinsicht praktische <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Intersektionalit%C3%A4t\" target=\"_blank\">Intersektionalit\u00e4t<\/a>. Die Breite von Organisationen, welche mit St\u00e4nden und Zelten vertreten waren, war unbeschreiblich. Die Linke, verschiedene Nationalisten, Feministinnen, LGBT Gruppen und Umweltsch\u00fctzer, alle hatten sie ihre Transparente und Plakate. Auffallend viele individuelle Zelte trugen das anarchistische A im Kreis. Es gab sehr viele anarchistische Transparente, genauso wie einen gro\u00dfen Stand am Eingang zum Plaz, direkt hinter den Barrikaden auf dem Taksim. Es gab einen internen Konflikt zwischen der kurdischen Linken und rechtsnationalistischen Kemalisten. Bezogen auf ihre Standpunkte und ihre blutige Vergangenheit, wurde dieser aber relativ milde ausgetragen.<\/p>\n<p>Ich kann die Arbeitsmethoden der Taksim Solidarity Plattform (die Dachorganisation der Besetzung) nicht wirklich beschreiben, als die R\u00fcckmeldung vom Treffen mit Erdogan diskutiert wurde. Einen Tag vor der gewaltsamen R\u00e4umung sa\u00df in in einer Versammlung mit 40 Leuten, in der das weitere Vorgehen diskutiert wurde. Die Methoden und Dynamiken waren vergleichbar mit denen der Occupy Assemblies \u00fcberall sonst, ohne sichtbare Hierarchien unter den Sprechern. Der Diskussionspunkt war, ob die Besetzung aufgegeben werden sollte oder nicht. Einige zur Sprache gekommenen Positionen:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Park l\u00e4uft Gefahr, von der Bev\u00f6lkerung isoliert zu werden. Was durch die weitere Besetzung erreicht werden kann, ist stark begrenzt.<\/li>\n<li>Egal was es kostet, der Welt\u00f6ffentlichkeit sollte ein Beispiel in direkter Demokratie gegeben werden.<\/li>\n<li>Die radikalen Gewerkschaften schlagen vor, alle Zelte abzubauen, mit Ausnahme eines symbolischen, zentralen Zeltes.<\/li>\n<li>Es sollte sich genug Zeit f\u00fcr eine fundierte Entscheidung genommen werden. Mit einer Diskussion \u00fcber die n\u00e4chsten drei Tage.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich ging, bevor die Versammlung zu einer Entscheidung kam. Am n\u00e4chsten Tag tauchten verst\u00f6rende Berichte auf. Es schien, dass die Entscheidung nur gro\u00dfe, symbolische Zelte im Park zu belassen angenommen wurde. Aber niemand wurde zum Abbruch aufgefordert. Das hei\u00dft, die gro\u00dfen politischen Zelte verschwanden, aber viele der individuellen blieben. An diesem Abend begann die Polizei ihren Gro\u00dfangriff gegen den Park. Mit Tr\u00e4nengas und Wasserwerfer, gefolgt von APC\u2019s drang sie in den Park ein und machten alles, was noch zur\u00fcchgeblieben war, dem Erdboden gleich. Leute, die aus dem Park fl\u00fcchteten, wurden genauso wie diejenigen, welche sich zum Protest versammelten, in den umliegenden Stra\u00dfen mit Tr\u00e4nengas verfolgt. Andere, welche sich ins Davan Hotel fl\u00fcchteten, sa\u00dfen f\u00fcr Stunden fest als die Polizei als sich die Polizei Einlass verschaffen wollte. Tr\u00e4nengas wurde in die Lobby geschossen, w\u00e4hrend die Menschen dort im Geb\u00e4ude festsa\u00dfen. Es gab die ganze Nacht hindurch Versuche zum Park vorzudringen, w\u00e4hrend die Polizei die umliegenden Stra\u00dfen unter st\u00e4ndigem Tr\u00e4nengasbeschu\u00df hielt. Wirklich bizarr war das Bild, als gleichzeitig Stadtangestellte in dem nun ger\u00e4umten Park anfingen Blumen zu pflanzen. Eine eigent\u00fcmlich PR-Aktion, aber vielleicht w\u00fcrde sich dadurch ja doch noch irgend ein Idiot von den Bildern mit Tr\u00e4nengas und den Wasserwerfern ablenken lassen.<\/p>\n<p><em>The Final? Repression of Gezi<\/em><\/p>\n<p>Die Medien beschrieben die 36 Stunden nach der R\u00e4umung, in denen Istanbul in einer Wolke aus Tr\u00e4nengas verschwand, als Riot. Ich bin mir nicht sicher, ob dies die richtige Beschreibung der Situation war. Ich nahm nur sehr vereinzelt offensive Aktionen (z.B. Steinw\u00fcrfe) gegen die Polizei und Sachbesch\u00e4digungen war. Stattdessen griff die Polizei jede Gruppe in der Stadt an, welche versucht, sich zu einer Demo zu formieren, oder sobald sich Leute Richtung Taksim in Bewegung setzten. Wo immer eine Versammlung gelang, wurden m\u00e4chtige Barrikaden gebaut. Es gibt eine Menge Baustellen im Zentrum Istanbuls und mittlerweile waren Demonstranten ge\u00fcbt darin, zu Dutzenden Baumaterial, und alles was sonst noch verf\u00fcgbar war, \u00fcber lange Ketten von Hand zu Hand an die richtigen Orte in den Stra\u00dfen weiter zu reichen. Auf diese Art entstanden sehr massive Barrikaden, welch vor der Verfolgung von Polizeifahrzeugen Schutz boten.<\/p>\n<p>Noch w\u00e4hrend das Treffen mit Erdogan lief, wurden riesige Mengen an Polizeikr\u00e4ften um den Taksim herum stationiert. Das hatte zur Folge, dass die Barrikaden im gro\u00dfen Abstand zum Taksim errichtet wurden. Selbst an der Galatia-Br\u00fccke, wo die Stra\u00dfenbahn ihren Verkehr einstellen musste, vielleicht 1,5 Km vom Taksim entfernt. Ebenfalls konnten im Tourismusviertel am Goldenen Horn regelm\u00e4\u00dfige Tr\u00e4nengassalven geh\u00f6rt werden. Zwischenzeitlich kamen \u00e4hnliche Berichte aus den entfernten Vororten auf, wo sich eine riesige Anzahl an Menschen die Stra\u00dfen nahm, diese besetzte und mit Tr\u00e4nengas und Wasserwerfern angegriffen wurde.<\/p>\n<p>Etwas fr\u00fcher an diesem Tag, griff die Polizei in Ankara die Beerdigung eines bei den Protesten Get\u00f6teten mit Tr\u00e4nengas und Wasserwerfern an.<\/p>\n<p>Ein Foto machte die Runde, auf welchem der Sarg in dichtes Tr\u00e4nengas geh\u00fcllt war, w\u00e4hrend ein Wasserstrahl das Gas in N\u00e4he der Sargtr\u00e4ger teilt. Es gab \u00fcber 400 Festnahmen. Viele von ihnen wurden \u00fcber 24 Stunden oder l\u00e4nger an unbekannten Orten festgehalten, bis sie in das normale Arrestverfahren \u00fcberf\u00fchrt wurden.<\/p>\n<p>Diese unglaubliche Repression verhinderte kurzfristig die Wiederbesetzung des Parks, schaffte es aber nicht die Bewegung zu zerschlagen. F\u00fcnf kleinere Gewerkschaften riefen einen \u201eGeneralstreik\u201c aus. \u00d6ffentlicher Protest wurde mit den ultra-pazifistischen \u201eStanding Man\u201c Aktionen sichtbar, bei dem Leute einfach buchst\u00e4blich einfach nur schweigend auf dem Taksim oder woanders herumstanden. Diese Taktik ging dann schnell \u00fcber den Taksim hinaus, griff andere Themen auf wie die Erinnerung an Hrant Dink, einen armenischen Journalisten, welcher 2007 ermordet wurde, oder an die f\u00fcnf Arbeiter, welche durch fehlenden Arbeitsschutz letzte Woche an einer Methanvergiftung in einem Recyclinghof starben.<\/p>\n<p>Die Polizei begann, die \u201eStanding Man\u201c Proteste mit Arresten zu verhindern, was nur dazu f\u00fchrte, dass sich immer mehr Menschen daran beteiligten. Bizarrerweise versuchte die Regierung zu verbieten, dass l\u00e4nger als 8 Minuten Stillstehen der Gesundheit schadet, als ob dadurch die Verhaftungen gerechtfertigt w\u00e4ren.<\/p>\n<p><em>The Assembly Process Spreads<\/em><\/p>\n<p>Am wichtigsten zu betonen ist, dass \u00fcberall in der Stadt im \u00f6ffentlichen Raum Assemblies begannen, die gr\u00f6\u00dften mit mehreren tausend Leuten. W\u00e4hrend ich diese Zeilen niederschreibe, wird von 35 Nachbarschaftsforen in 35 Parks in Istanbul berichtet. Eine davon wurde folgenderma\u00dfen beschrieben:<\/p>\n<p>\u201e<i>Ab 21 Uhr trafen sich tausende, vor allem junge Leute, zu einer Versammlung um das Amphitheater im Abbasaga Park unter dem Motto \u2018Jeder Park ist Gezi\u2019 \u2026 um zu verdeutlichen, was mit der Besetzung des Gezi Park begann, und wohin sich die Bewegung entwickelt. Hunderte standen an der B\u00fchne an, um f\u00fcr jeweils zwei oder drei Minuten zu sprechen, w\u00e4hrend die Versammelten ihre Zustimmung oder Ablehnung durch Handwedeln oder Armeverschr\u00e4nken mitteilte.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Wie bei der Occupybewegung liegt die Radikalit\u00e4t der Bewegung nicht in ihren Forderungen, sondern in ihrem Prozess. Obwohl die brutale Repression des Staates die Bewegung (durch die Taksim Platform repr\u00e4sentiert) scheinbar radikalisierte, bleiben ihre momentanen Forderungen doch eher moderat. Genau wie M15 in Spanien, l\u00e4sst sich die Bewegung nicht darauf ein, Erdogan\u2019s Begr\u00fcndung \u2018wir sind eine demokratisch gew\u00e4hlte Regierung\u2019, als Grund f\u00fcr ein Ende der Proteste anzuerkennen. Gelegentlich wird eine Sprache verwendet, die nahelegt, dass die Regierung in \u2018Wirklichkeit\u2019 eine Diktatur ist: Im Gezi Park gab es eine Reihe von Plakaten, die Erdogan als Hitler darstellten. Solche Vergleiche sollen auf eine tiefere Wahrheit hindeuten,. n\u00e4mlich auf die Ablehnung der parlamentarischer Demokratie. Ein anderer Aspekt der dies verdeutlicht, ist die sehr geringe Identifizierung mit politischen Parteien, die o.g. Biligiumfage berichtet, dass \u2018nur 15,3 Prozent sich einer Partei zugeh\u00f6rig f\u00fchlen\u2019 \u2013 Diese Zahlen sind den Erhebungen w\u00e4hrend der Massenproteste in Brasilien sehr \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>F\u00fcr Anarchisten kann die massive Ablehnung des parlamentarischen Systems und der Ersatz durch direkte Demokratie nichts anderes als Begeisterung ausl\u00f6sen. Ein Gro\u00dfteil der Linken ist erschrocken und besteht darauf, dass sich die Protestierenden hin zur \u2018Realpolitik\u2019 bewegen sollen. Weil viele von ihnen junge Leute sind, gibt es h\u00e4ufig die paternalistische Sichtweise \u2018Auch sie werden noch erwachsen um dies zu verstehen\u2019, was nat\u00fcrlich nur ein v\u00f6lliges Nichtverstehen offenbart, dar\u00fcber, dass dies Ablehnung mehr aus den historischen Fehlschl\u00e4gen der linken Parteien resultiert, als aus irgend etwas sonst. Das Konzept der Parteigr\u00fcndung ist in der T\u00fcrkei nicht wirklich neu. Es gab und gibt es in betr\u00e4chtlichem Ausma\u00df in der revolution\u00e4ren Linken. Kurz gesagt, es sind nicht die Protestierenden, welche Unterricht \u00fcber Parteien brauchen, es sind diese Kommentatoren, welche in ihren altert\u00fcmlichen Gewissheiten gefangen sind. Es bildet sich eine neue Form des Kampfes f\u00fcr soziale Transformation heraus, und wir sollten es dr\u00fcber hinaus als ein wiederkehren von 1848 oder der Pariser Commune sehen, hin zu einer unausweichlichen Transformation f\u00fcr Soziale Demokratie.<\/p>\n<p>Andererseits haben diese Bewegungen bisher noch keinen Weg zur sozialen Transformation herausgebildet. Die Assemblies m\u00f6gen die Vorboten einer neuen Welt darstellen, welche in der alten entsteht, aber bislang gibt es noch kein kollektives Programm, welches den repressiven Staat \u00fcberwindet und ihn ersetzt. Vielleicht am interessantesten ist, dass sich sie Form der Assemblies nur im \u00f6ffentlichen Raum und in den Nachbarschaften entwickelte, obwohl viele Gewerkschaften ernsthaft Gezi und \u00e4hnliche Bewegungen mit ihren Mobilisierungen unterst\u00fctzt haben. Wir k\u00f6nnen sicherlich davon ausgehen, dass die Zustimmung der CEO\u2019s zu den Protesten fallen wird, wenn (und das hoffen wir von ganzem Herzen) Arbeiter ihre Assemblies errichten um die Zukunft der Betriebe in den sie Arbeiten zu diskutieren. Es wird sicherlich nicht so lange dauern, bis konkrete \u00f6konomische Ma\u00dfnahmen formuliert werden k\u00f6nnen, nicht so sehr als abstrakte Formeln, eher als eine konkrete anwendbare Praxis. Wir haben so etwas in der Vergangenheit durchaus schon beobachten k\u00f6nnen: Die Zeit der Fabrikbesetzungen in der argentinischen Krise von 2011. Doch das waren eher defensive Ma\u00dfnahmen um Fabrikschlie\u00dfungen und den Verlust der Existenzgrundlage zu verhindern.<\/p>\n<p>In der T\u00fcrkei, mit seiner wachsenden Wirtschaft, wird sich eine Bewegung der Betriebsversammlungen nicht unbedingt als eine defensive, zur Bewahrung des Lebensstandards, entwickeln.<\/p>\n<p>Anarchisten sollten gr\u00f6\u00dfere Fortschritte machen, sich selbst in den Realit\u00e4ten dieser neuen Bewegungen zu verorten. Dies bedeutet, \u00fcber die Kritik hinweg zu kommen, dass sie nicht die Formen annehmen, die wir gerne h\u00e4tten. Anarchisten haben eine lang und gut erarbeitete Theorie und Praxis der direkten Demokratie. Wir sollten dar\u00fcber nachdenken, dies als Werkzeug zur Verf\u00fcgung zu stellen, damit das Rad nicht neu erfunden werden muss. Wir haben ein tiefes, kollektives Verst\u00e4ndnis, wie Macht und Reichtum zusammenh\u00e4ngen. K\u00f6nnen wir dies in die Bewegungen einbringen, es popul\u00e4r machen, ohne es auf die 99%-Phrasen zu verk\u00fcrzen? \u00dcber Jahrzehnte haben anarchistische zusammen mit anderen Bewegungen (feministischen, antirassistischen, queeren \u2026) ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Ineinandergreifen verschiedener Unterdr\u00fcckungsformen entwickelt. Das alles er\u00f6ffnet die M\u00f6glichkeit, mit anderen \u2018Bewegungen der Pl\u00e4tze\u2019, einen wirklichen Weg zur Befreiung der Menschheit zu entwickeln.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich hier die letzten Zeilen schreibe, breiten sich die Assemblies \u00fcber die ganze T\u00fcrkei aus. Enorme Demonstrationen ersch\u00fcttern Brasilien. Wir beobachten neue Momente in einem Kampfzyklus, welcher 2010 in Tunesien begann und sich heute im dritten Jahr befindet. Bis jetzt blieb der schnelle Sieg aus, obwohl doch einige Siege zu verzeichnen sind. Aber offensichtlich befinden wir uns in einem weltweiten Lernprozess, welcher eine neue revolution\u00e4re Politik hervorbringt. Es besteht die Hoffnung, unser Ziel \u2013 die Befreiung Aller \u2013 zu erreichen, was mit unseren Methoden im 20sten Jahrhundert fehlgeschlagen ist. Die entscheidende Frage f\u00fcr Anarchisten ist: Wie k\u00f6nnen wir diese Bewegungen am besten unterst\u00fctzen und beeinflussen, unter Ber\u00fccksichtigung der harten Niederlagen, und ohne \u00fcberheblich die Erfolge der Vergangenheit hausieren zu gehen? Wir sollten eher die Hebammen dieser neuen Situation sein, als die Archivare des Alten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00fcbernommen von lesci.blogsport.eu im Folgenden eine Schnell\u00fcbersetzung des Textes \u201eTear Gas &amp; Twitter in Taksim \u2013 An anarchist eyewitness analysis from Gezi Park, Istanbul\u201c, zuerst ver\u00f6ffentlicht auf anarkismo.net und zur Zeit der Gezi Park R\u00e4umung, am Wochenende um den&#46;&#46;&#46;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[1,297,453,298],"tags":[263,75,92,592,469,194,192,595,470],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9117"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9117"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9117\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9981,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9117\/revisions\/9981"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}