{"id":9137,"date":"2013-07-07T19:14:24","date_gmt":"2013-07-07T18:14:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=9137"},"modified":"2015-01-02T23:24:29","modified_gmt":"2015-01-02T22:24:29","slug":"weder-vergessen-noch-zeremonie-gegen-den-totenkult","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/weder-vergessen-noch-zeremonie-gegen-den-totenkult","title":{"rendered":"Weder Vergessen noch Zeremonie: Gegen den Totenkult"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/mauriciomorales.jpg\" rel=\"lightbox[9137]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-9138\" title=\"Mauricio Morales starb am 22. Mai 2009 in Santiago\/Chile als eine Bombe in seinem Rucksack fr\u00fchzeitig zur Explosion kam\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/mauriciomorales-172x250.jpg\" alt=\"Mauricio Morales starb am 22. Mai 2009 in Santiago\/Chile als eine Bombe in seinem Rucksack fr\u00fchzeitig zur Explosion kam\" width=\"120\" height=\"175\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/mauriciomorales-172x250.jpg 172w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/mauriciomorales.jpg 338w\" sizes=\"(max-width: 120px) 100vw, 120px\" \/><\/a>Mauricio Morales starb am 22. Mai 2009 in Santiago\/Chile als eine Bombe in seinem Rucksack fr\u00fchzeitig zur Explosion kam. Von <a href=\"http:\/\/www.non-fides.fr\/?Weder-Vergessen-noch-Zeremonie\" target=\"_blank\">www.non-fides.fr<\/a> \u00fcbernehmen wir einen kritischen Text bez\u00fcglich des Umgangs mit dem allj\u00e4hrlichen Todestag.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><i>\u201eMir schiene es, f\u00fcr meinen Teil, zufriedenstellender, da es sich um Menschen handelt, die sich durch Taten ausgezeichnet haben,<br \/>\nwenn man sie auch nur mit Taten ehren w\u00fcrde\u201c<\/i><br \/>\n\u202aThukydides\u202c, <i>Geschichte des Peloponnesischen Krieges<\/i>, 411 v. Chr.<\/p>\n<p>Es ist gef\u00e4hrlich, dem Staat und dieser Welt den Krieg zu erkl\u00e4ren, denn sie wissen nur zwei Dinge zu tun: fortschreiten und alles bek\u00e4mpfen, was ihren Fortschritt zerst\u00f6ren, schw\u00e4chen oder hindern k\u00f6nnte. Als Anarchisten, und damit meinen wir Revolution\u00e4re, sind wir uns \u00fcber unsere Entscheidungen und \u00fcber die Verantwortungen, die sich daraus ableiten, bewusst. Wenn wir Revolution\u00e4re sagen, sprechen wir nicht von irgendeinem Glauben an eine perfekte und sorgenlose Welt, und auch nicht vom tr\u00fcgerischen Glauben an die M\u00f6glichkeit, zu unseren Lebzeiten oder nicht, irgendeine totale anti-antiautorit\u00e4re Revolution aufkommen zu sehen, wie wir sie in unseren Masturbationsh\u00f6henfl\u00fcgen ertr\u00e4umen m\u00f6gen. Wir sprechen von einer permanenten Spannung zur Vertiefung eines Prozesses des Bruchs mit der Macht und ihren Institutionen, durch die radikale Kritik und die Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Am 22. Mai 2009 ist Mauricio Morales, ein geachteter Kamerad aus Santiago de Chile in diesem sozialen Krieg, zu dem wir beizutragen versuchen, im Kampf gefallen, er, wie viele andere Anarchisten \u00fcberall auf der Welt, mit unseren eigenen Mitteln und unserer eigener Ethik, unserer eigenen Intensit\u00e4t und unseren eigenen Verlangen. Die Explosion der selbstgefertigten Bombe, die er auf seinem R\u00fccken trug, verursachte seinen brutalen Tod, sie war f\u00fcr die Polizeischule bestimmt, die sich nicht weit von ihm befand. Wie fern wir in diesem Moment auch waren, im Herzen dieses alten Europas, so hat uns die Nachricht von seinem Tod ersch\u00fcttert f\u00fcr das, was sie war: der Tod eines Bruders. Wir kannten Mauricio nicht pers\u00f6nlich, aber war denn das wichtig? Wir haben uns in ihm wiedererkannt, wie wir uns jeden Tag in allen Angriffen gegen die Herrschaft wiedererkennen, und dies hat uns gen\u00fcgt. Wie viele andere haben wir zum Gedenken die Nacht entflammt. Denn dies ist die einzige Gedenkform, die uns entspricht, um die Erinnerung des Kameraden zu w\u00fcrdigen: den Kampf in der Solidarit\u00e4t weiterf\u00fchren, ja, aber <i>viel mehr noch<\/i>: die Kritik in Taten gegen diese Welt propagieren, und ihre Verbreitung ermutigen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist das erste Ziel unserer Angriffe gegen das Bestehende nicht, die Erinnerung der gefallenen Kameraden zu ehren, diesem oder jenem gefangenen Kameraden eine Widmung zu schicken, und auch nicht, in einem frontalen Nahkampf mit der Macht Dialog zu f\u00fchren. Der Angriff ist f\u00fcr uns eine Notwendigkeit, weil die Worte einen Sinn haben und unsere Ideen nicht nur Konzepte sind. Und wir halten dieses Bed\u00fcrfnis, sich zuzuzwinkern oder sich st\u00e4ndig auf sich selbst zu beziehen, f\u00fcr v\u00f6llig zweitrangig, ja sogar f\u00fcr v\u00f6llig unn\u00f6tig. Die Empf\u00e4nger des Zuzwinkerns brauchen nicht genannt zu werden, wenn sie sich in dem wiedererkennen, was die Tat ausdr\u00fcckt. Und einen Angriff einem Kameraden darzubieten, heisst f\u00fcr andere die M\u00f6glichkeit zu entfernen, sich ihn anzueignen, und uns selbst von unendlichen M\u00f6glichkeiten der Wiederaneignung und der Reproduzierbarkeit, und auch der Anonymit\u00e4t zu trennen, die f\u00fcr uns die anarchistische Intervention in ihrer ganzen Bescheidenheit charakterisiert. Um zu pr\u00e4zisieren, was wir Bescheidenheit nennen: Wir meinen damit, dass sich unsere Angriffe als bescheidene Beitr\u00e4ge, und nicht als heldenhafte Taten, in den sozialen Krieg einschreiben, der seit jeher im Gange ist, denn wie wir immer sagen, es ist einfach, anzugreifen, und egal welcher W\u00fctende kann es tun. Dies ist, wieso unsere im Kampf gefallenen Kameraden keine Helden sind.<\/p>\n<p>Unsere Angriffe sind allt\u00e4glich, sie erwarten und brauchen keinen Aufruf zur Solidarit\u00e4t. Hierin besteht unsere einzige Form des Gedenkens: in der permanenten Konflikthaltung. Denn die anderen Formen des Gedenkens sind keine Abhilfe f\u00fcr unsere aufst\u00e4ndischen Herzen, denn zu weinen hat noch nie eine Mauer zum Einsturz gebracht. Seien sie von der g\u00f6ttlichen oder weltlichen Religion, die Apostel dieser Welt bieten keine L\u00f6sung f\u00fcr unsere Ungl\u00fccklichkeiten. Die Totenwachen, die Zeremonien, die Lobreden, die Umz\u00fcge, die Jahrestage, die sch\u00f6nen Reden und die falsche Lyrik \u00fcberlassen wir gerne ihnen, und wir bahnen weiter unseren Weg. Wir interessieren uns nicht f\u00fcr den Ruhm und die Ehre, sondern f\u00fcr die W\u00fcrde, die Liebe und den Hass. Dies sind die drei Geschwister, mit denen wir jeden Tag umhergehen. Wir h\u00e4tten es bevorzugt, nicht das Bed\u00fcrfnis zu sp\u00fcren, diese paar Zeilen zu schreiben, doch wir haben Angst, zu sehen, wie sich Werte von religi\u00f6sem und milit\u00e4rischem Ursprung, die nicht die unsrigen sind, mit unseren vermischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><i>\u201eDer Totenkult ist nur eine Verschm\u00e4hung des wahren Schmerzes. Die Tatsache, ein G\u00e4rtchen zu unterhalten, sich in schwarz zu kleiden, einen Trauerschleier zu tragen, beweist nicht die Ehrlichkeit der Betr\u00fcbnis. Diese letztere muss ausserdem verschwinden, die Individuen m\u00fcssen reagieren gegen\u00fcber der Unwiderruflichkeit und der Fatalit\u00e4t des Todes. Man muss gegen das Leiden k\u00e4mpfen, anstatt es zur Schau zu tragen, es in groteskten Kavalkaden und l\u00fcgnerischen Beileidsworten spazierenzuf\u00fchren [&#8230;]. Wir m\u00fcssen die Pyramiden, die Grabh\u00fcgel, die Grabm\u00e4ler niederreissen; wir m\u00fcssen den Pflug durch den umz\u00e4unten Boden der Friedh\u00f6fe ziehen, um die Menschheit von dem, was Respekt vor den Toten genannte wird, von dem Totenkult zu entledigen.\u201c<\/i><br \/>\nAlbert Libertad in <i>L\u2019anarchie<\/i>, 31. Oktober 1907.<\/p>\n<p>Es gibt keinen Ruhm in der Tatsache, im Kampf zu sterben. Die Macht h\u00e4lt f\u00fcr unsere Entscheidungen als K\u00e4mpfende morbide Konsequenzen bereit, ob es sich um den Bunker, die Folter oder den Tod handelt. All diese schlechten Nachrichten sind Teil des Vertrags, den wir, in der Entscheidung f\u00fcr den Krieg gegen das Bestehende, mit uns selbst geschlossen haben. Wir wissen, worauf wir uns gefasst machen k\u00f6nnen, vom Sch\u00f6nsten bis zum Tragischsten, und wir sind bereit daf\u00fcr, was auch immer der Ausgang sein mag. Dieses Mal war er fatal, aber das macht aus Mauricio nicht einen engagierteren oder wertvolleren Kameraden als egal welche\/r andere K\u00e4mpfende. In dieser Nacht damals, hat er Risiken auf sich genommen, wie es viele andere jede Nacht tun, und der Zufall hat ihn uns gestohlen. Es h\u00e4ttest du, ich, sie oder egal welches andere Individuum sein k\u00f6nnen, f\u00fcr welches die Anarchie nicht nur eine Frage von Worten oder Positur ist.<br \/>\nViele unserer Kameraden sind im Kampf gestorben. Es gibt viele Ravachol, Filippi und Morales in unserer Geschichte, die, in mehr oder weniger lebhafter Erinnerung, noch immer in jedem versetzten Schlag, in jedem gegen die Macht gef\u00fchrten Angriff existieren. Und es sind keine M\u00e4rtyrer, sie sind nicht f\u00fcr eine Sache gestorben, sie haben sich nicht aufgeopfert. Sie sind gestorben, w\u00e4hrend sie versuchten, einen Traum zu realisieren, sie haben sich nicht ergeben und sie wurden get\u00f6tet. Das ist alles. Nichts wird sie uns zur\u00fcckbringen, weder ein Lied, noch ein Gedicht, noch eine Rede, denn es gibt kein Jenseits, es gibt keine Helden, es gibt kein Anderswo, wo man sich vom Hier heilt.<\/p>\n<p>Kameraden und Kameradinnen, lasst uns den Sirenen der Verehrung, des Charisma und des sozialen Wertes nicht nachgeben. Die Anarchisten d\u00fcrfen nicht kanonisiert werden. \u00dcberlassen wir das dem Star-System und der religi\u00f6sen Idolatrie. Auf dass jedes Individuum sein eigener Held ist, anstatt die Gr\u00f6sse beim anderen zu suchen. Mauricio ist keine Statuette, kein Poster und keine Ikone. Er ist eine Inspirationsquelle, ein Bruder.<\/p>\n<p><i>Gegen den Totenkult.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Juni 2013.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mauricio Morales starb am 22. Mai 2009 in Santiago\/Chile als eine Bombe in seinem Rucksack fr\u00fchzeitig zur Explosion kam. 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