{"id":9241,"date":"2013-07-21T19:40:12","date_gmt":"2013-07-21T18:40:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=9241"},"modified":"2014-12-19T19:17:12","modified_gmt":"2014-12-19T18:17:12","slug":"im-bauch-der-sphinx-einige-ueberlegungen-ueber-insurrektion-und-revolution-anlaesslich-von-eindruecken-aus-aegypten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/im-bauch-der-sphinx-einige-ueberlegungen-ueber-insurrektion-und-revolution-anlaesslich-von-eindruecken-aus-aegypten","title":{"rendered":"Im Bauch der Sphinx &#8211; Einige \u00dcberlegungen \u00fcber Insurrektion und Revolution anl\u00e4sslich von Eindr\u00fccken aus \u00c4gypten"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Egypt-riot.jpg\" rel=\"lightbox[9241]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Egypt-riot-250x170.jpg\" alt=\"Egypt-riot\" width=\"175\" height=\"119\" \/><\/a>\u00fcbernommen von <a href=\"https:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/91047\" target=\"_blank\">linksunten.indymedia.org<\/a><\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"dropcap\">D<\/span>ieser Text beabsichtigt nicht, vollst\u00e4ndig zu sein, und noch weniger ist er eine breite Auflistung aller aufeinanderfolgenden Ereignisse, die man auf den Bildschirmen zur\u00fcckfinden k\u00f6nnte oder auch nicht. Er ist ein Versuch, tiefer zu graben und einem Haufen erlangter Eindr\u00fccke eine Bedeutung zu geben. Er ist ein Versuch, zeitgen\u00f6ssische Fragen \u00fcber Insurrektion und Revolution zu stellen, ein Beitrag zur notwendigen Diskussion \u00fcber diese Themen.<\/em><br \/>\n<em>Man sollte sich beim Lesen des Textes bewusst halten, dass er noch vor der Machtergreifung der Armee vom 30. Juni 2013 verfasst wurde, welche die Situation heute noch einmal betr\u00e4chtlich ver\u00e4ndert. Er wurde anl\u00e4sslich von pers\u00f6nlichen Eindr\u00fccken aus \u00c4gypten f\u00fcr die 3. Ausgabe der belgischen anarchistischen Revue \u201eSalto\u201c geschrieben.<\/em><br \/>\n<!--more--><br \/>\n<strong><em>Zusammenfassend&#8230; f\u00fcr diejenigen, die nicht ganz auf dem Laufenden waren&#8230; <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Als im Januar 2011 die Strassen ganz \u00c4gyptens mit Menschen \u00fcberstr\u00f6mten, die dem, was sie davon abhielt, zu leben, ein Ende setzen wollten (der 30-j\u00e4hrigen Diktatur von Mubarak, der folternden Polizei, der \u00f6konomischen Ausbeutung und dem Hunger, neben exorbitanten Profiten und einem gewissen \u00dcberfluss, ebenso wie der patriarchalen Erstickung des Individuums \u2013 egal ob Mann oder Frau, jung oder alt ((Es geht hier um die patriarchale Unterdr\u00fcckung im urspr\u00fcnglichen Sinne des Wortes, das heisst, um ein unterdr\u00fcckendes Gesellschaftsmodell, das auf dem Gesetz der Familie basiert. Ohne zu behaupten, dass dieses Gesetz keine Unterschiede bedeutet f\u00fcr M\u00e4nner und Frauen, f\u00fcr Junge und Alte, scheint es uns wichtig, in den Vordergrund zu stellen, dass es sich hierbei um ein famili\u00e4res Ger\u00fcst handelt. Wenn dies nicht ber\u00fccksichtigt wird, missversteht man die wirkliche Bedeutung von diesem spezifischen Unterdr\u00fcckungsmodell. Vielmehr als ein System, ist der Sexismus, der selbstverst\u00e4ndlich massiv pr\u00e4sent ist wie \u00fcberall, aus einer Reihe von Denkmustern und damit einhergehenden Praktiken, die das System aufrechterhalten. Aber nicht nur. Auch die \u00f6konomische Notwendigkeit macht, dass Leute an ihre Familie gekettet bleiben und gehorsam sind, ebenso wie die Religion und die soziale Kontrolle. Wenn man gegen einen dieser Aspekte rebelliert, wird man mit einer Repression auf allen Ebenen konfrontiert.))), gab es nichts mehr, was diese Flutwelle aufhalten konnte. Man warf die Angst von sich, Menschen st\u00fcrzten sich buchst\u00e4blich ins Gefecht. Der Tod eines jeden M\u00e4rtyrers war f\u00fcr noch mehr Menschen ein Grund, sich den K\u00e4mpfen anzuschliessen und nicht nachzulassen.<br \/>\nMan ging auf die Strasse f\u00fcr Brot, f\u00fcr das Ende der Armut und den R\u00fccktritt des reichen Pr\u00e4sidenten mit seinen Wut erweckenden Pal\u00e4sten. Aber auch f\u00fcr Freiheit, f\u00fcr ein Leben ohne tausend Schranken (wovon Geld eine, aber nicht die einzige ist), und f\u00fcr das Verschwinden der Diktatur. Schliesslich f\u00fcr die soziale Gerechtigkeit, f\u00fcr das Ende der Ausbeutung und die Abschaffung der Privilegien ((Die Forderungen der \u00e4gyptischen Auflehnung sind \u201eBrot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit!\u201c.)). Was angegriffen und zerst\u00f6rt wurde, beweist teilweise den Charakter der Auflehnung: 90% der Polizeiposten wurden angegriffen oder niedergebrannt, Parteib\u00fcros wurden in Brand gesteckt, L\u00e4den wurden gepl\u00fcndert und kapitalistische Symbole brannten aus.<br \/>\nNach 18 Tagen \u00fcbertr\u00e4gt Mubarak die Macht an den Feldmarschall Tantawi des Supreme Council of Armed Forces (SCAF), der in \u00c4gypten eine Art parallele Machtstruktur zum Staat bildet. 40% der \u00e4gyptischen Wirtschaft befindet sich in den H\u00e4nden dieser Mafia (darunter die Produktion zahlreicher Ausgangsprodukte f\u00fcr den Innenmarkt), ebenso steht das Landgebiet des Sina\u00ef unter milit\u00e4rischer Kontrolle. \u00dcberall im Land besitzt und beansprucht die Armee Gebiete und ganze Zonen (was oft Anlass zur milit\u00e4rischen R\u00e4umung von sehr armen Schichten der Bev\u00f6lkerung gibt). Ausserdem ist der Milit\u00e4rdienst obligatorisch, w\u00e4hrend man der Armee f\u00fcr 15 Jahre zur Verf\u00fcgung steht.<br \/>\nDie Polizei, die w\u00e4hrend der 18 Tage der Auflehnung in der Unterhose davonfl\u00fcchten musste (ihre Uniform war ein Freipass, um unter allgemeiner Zustimmung gelyncht zu werden), verschwand aus dem Strassenbild. Ihre Anwesenheit wurde nicht mehr toleriert. Doch nun war es die Armee, welche Menschen niederpr\u00fcgelte und verhaftete, einschloss, verurteilte (durch Milit\u00e4rgerichte), mit Tr\u00e4nengasgranaten und scharfer Munition auf die Demonstrationen und Aufruhre schoss. Unter dem mehr als einem Jahr dauernden Regime des SCAF wurden hunderte Personen get\u00f6tet, tausende durch Milit\u00e4rgerichte verurteilt und eingesperrt und zahlreiche andere gefoltert und sexuell misshandelt. Die Armee, die w\u00e4hrend der 18 Tage von vielen noch als \u201eHand in Hand mit dem Volk\u201c gehend gefeiert wurde, entpuppte sich als das, was sie ist: Hand in Hand mit der Macht. Ihr Image hat sich dadurch auf nicht wieder gut machbare Weise befleckt.<br \/>\nUnter dem SCAF-Regime ging alles weiter wie zuvor: der Hunger, die Ausbeutung, die L\u00fcgen, die Ketten. Und auch heute noch. Heute sind wir zwei Jahre weiter, und die Hoffnung und Euphorie der gewonnenen Schlacht gegen den Diktator zeigen heute oft Zeichen von Depression und Bitterkeit, denn nichts hat sich ver\u00e4ndert und das neue Leben, das man w\u00e4hrend der 18 Tage kostete, scheint weit entfernt. Die Freedom and Justice Party (die haupts\u00e4chlich, aber nicht nur, aus Moslembr\u00fcdern bestehende politische Partei) ist unterdessen an die Macht gelangt und Mohammed Morsi ist zum Pr\u00e4sidenten geworden, doch sie werden verabscheut. Wenn die Moslembr\u00fcder vor der Auflehnung auf eine betr\u00e4chtliche Unterst\u00fctzung aus dem Volk z\u00e4hlen konnten, so war das, weil sie oft dort mit F\u00fcrsorge anwesend waren, wo der Staat abwesend war, namentlich in den Armenvierteln und den Slums. Jetzt, da sie sich im Staat einnisten und die kapitalitische Politik vorantreiben, sind zahlreiche Personen offensichtlich angewidert bei der Feststellung, dass die Strassen, in denen sie leben, noch immer in miesem Zustand sind, der Hunger noch immer pr\u00e4sent ist&#8230; Und somit&#8230; geht es weiter. Unz\u00e4hlige Parteib\u00fcros der Moslembr\u00fcder wurden in Brand gesteckt und es kam zu zahlreichen Konfrontationen zwischen einerseits den Moslembr\u00fcdern und den mit ihnen alliierten religi\u00f6sen Fraktionen (wie den Salafisten) und andererseits Revolution\u00e4ren und anderen W\u00fctenden. Diese Strassenk\u00e4mpfe (wobei es auf beiden Seiten zu Toten kam, und wobei auf beiden Seiten vereinzelt von Schusswaffen Gebrauch gemacht wurde) k\u00f6nnen also nicht nur als K\u00e4mpfe gegen die Moslembr\u00fcder und die Freedom and Justice Party gelesen werden, es sind ebenso sehr K\u00e4mpfe f\u00fcr die Fortsetzung der Auflehnung, gegen eine neue Macht, die das Leben der Menschen unm\u00f6glich macht.<\/p>\n<p><strong><em>Der Charakter der Auflehnung <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der 25. Januar war eine soziale Explosion, ein Zusammenlaufen verschiedener brodelnder Konfliktherde, die das Ganze hochgehen liessen. Sie war unvorhersehbar und unvorstellbar, doch sie kam auch nicht vom Himmel gefallen.<br \/>\nEs ist an vielen Ohren vorbeigegangen, aber Protest gegen Mubarak gibt es schon lange, wie zum Beispiel im Jahr 2003, zu Beginn der Invasion im Irak. Wie \u00fcberall auf der Welt bildete dies auch in \u00c4gypten Anlass zu Protesten. Da Mubarak entschied, den Suezkanal f\u00fcr Waffentransporte der Vereinigten Staaten zu \u00f6ffnen, wurden w\u00e4hrend Versammlungen spezifische Parolen gegen den Diktator gerufen. 2008 fand in Malhalla, einem der wichtigsten Industriezentren, ein Generalstreik statt, der von massiven Protesten, Aufruhren und Konfrontationen, Demonstrationen gegen Mubarak, gegen Korruption und Preiserh\u00f6hungen begleitet wurde. Um diese beginnende Auflehnung niederzuschlagen, st\u00fcrmten am 6. Februar tausende Bullen die Stadt, kam es zu massenhaften Verhaftungen, wurde die Elektrizit\u00e4t w\u00e4hrend zwei N\u00e4chten infolge ausgeschalten und fanden in vielen H\u00e4user im Nildelta Hausdurchsuchungen statt. Im Sommer 2010 wurde der junge Khaled Sa\u00efd in Alexandria auf der Strasse von Polizisten zu Tode gepr\u00fcgelt, was unter anderem eine Bewegung gegen Polizeifolter ins Leben rief. Abgesehen von diesen politisierten Bewegungen gab es auch eine soziale Konfliktualit\u00e4t auf der Strasse, die sich immer h\u00e4ufiger ausdr\u00fcckte. Ein anderer Polizeimord beispielsweise wurde mit der Brandstiftung des betreffenden Polizeipostens beantwortet.<br \/>\nDie soziale Bewegung, die Mubarak 2011 nach 18 Tagen gewaltsamer Konfrontationen in die Flucht trieb, kennt also eine Vorgeschichte, aus der wir hier bloss einige Beispiele zitierten. Auch der Tag selbst, der 25. Januar, war kein Zufall. Die Auflehnung erhielt etwas Anstoss von Aktivisten, die bereits seit einiger Zeit jeden 25. Januar (dem nationalen Tag der Polizei) Proteste organisierten, sowie von einer Welle von Streiks, von w\u00fctenden Revolten aufgrund von Wahlf\u00e4lschungen, Polizeifolter und Armut, sowie auch von dem enormen revolution\u00e4ren Elan, der durch duch die j\u00fcngsten Ereignisse in Tunesien entfacht wurde. All dies sorgte daf\u00fcr, dass die Menschenmassen, womit die Strassen \u00fcberstr\u00f6mten, jeglichen Erwartungen und jeglicher Kontrolle entgingen. Dies l\u00f6ste sogar unter jenen Angst aus, die es gewohnt waren, in einem genau definierten Rahmen zu protestieren. Der 25. Januar war der erste Tag einer Volksauflehnung.<br \/>\nDiese Auflehnung zieht aufgrund ihres wilden und horizontalen Charakters, der Abwesenheit eines politischen Stempels und einer vermittelten Botschaft ((Nat\u00fcrlich mangelte es nicht an Leuten, die den Kameras des CNN ihre Botschaft verk\u00fcnden wollten, doch die Auflehnung hatte keine Programme, keine politische Vision.)) unsere anarchistische Aufmerksamkeit auf sich. Doch so etwas wie eine \u201ereine\u201c Auflehnung gibt es nicht. Die betenden Menschen auf dem Tahrirplatz zeigen zum Beispiel eher die Fortsetzung der Herrschaft auf als den Bruch damit, doch das will nicht heissen, dass es sich hier um eine religi\u00f6se Auflehnung handelt (mit als Endresultat einem Moslembruder als Pr\u00e4sidenten und einer neuen, von der Scharia inspirierten Verfassung). Durch die bewegten Gew\u00e4sser der letzten Jahre hat diese Revolte zahlreiche Aspekte ber\u00fchrt. Es geht um eine Revolte, die von Leuten ausgetragen und vertieft wird, die von dem ausgehen, was sie sind, und nicht vom Idealbild irgendeines Revolution\u00e4rs. Die Vertiefung geht weiter und scheint heute immer mehr die M\u00f6glichkeit zu bieten, um auch Religion als solche in Frage zu stellen.<\/p>\n<p><strong><em>Brot und Rosen <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eine h\u00e4ufig wiederkehrende Frage in Diskussionen \u00fcber Insurrektion ist die Frage, ob es die Lebensbedingungen oder eher der Traum sind, die Menschen dazu bringen, in Aufstand zu treten. Es ist klar, w\u00fcrden die Menschen mit den unterdr\u00fcckenden Bedingungen, unter denen sie leben, zufrieden sein (und zu diesen Bedingungen geh\u00f6ren sowohl jene, die vom Kapitalismus produziert werden, wie jene, die vom Patriarchat aufrechterhalten werden) ((Unter \u201eBedingungen\u201c, worunter Menschen gezwungen sind, zu \u00fcberleben, wird nicht nur die Armut verstanden, sondern auch beispielsweise die Herrschaft einer Ideologie, der es zu gehorsamen gilt (wie beispielsweise die Religion). Sowie das Gesetz der Familie ebenso zu den unterdr\u00fcckenden Bedingungen geh\u00f6rt, worunter so viele gefangen sind. Die Vernichtung des Individuums und die Unm\u00f6glichkeit des Individuums, frei zu leben, sind eine der Triebkr\u00e4fte hinter der Auflehnung.)), dann h\u00e4tten sie sich niemals aufgelehnt. Der 25. Januar war eine Wutexplosion, eine Revolte, doch angesichts dessen, dass Wut schnell wieder verpufft, kann sie nicht die einzige Treibkraft sein.<br \/>\nDie hartn\u00e4ckige Entschlossenheit, der Unterdr\u00fcckung ein Ende zu setzen, erhielt ihren Antrieb auch von einem revolution\u00e4ren Elan, der den Traum eines anderen Lebens aufflackern liess, und dieser Traum wurde durch die Erfahrungen der 18 wunderbaren Tage der Auflehnung gen\u00e4hrt. Es ist unter anderem dieser Elan, der daf\u00fcr sorgt, dass wir immer wieder \u00fcberrascht werden, wenn wir Neuigkeiten aus dem brodelnden \u00c4gypten erfahren. Er ist ein Bestandteil des erforderlichen Sauerstoffs, der die Flamme bis heute am Leben erh\u00e4lt. Falls der Realismus hier die Oberhand gewinnen w\u00fcrde, w\u00e4re keine Repression mehr n\u00f6tig, dann w\u00fcrde man das eigene Feuer im Voraus ersticken.<br \/>\nEs ist nicht das Ziel, diesen Elan hier als die grosse L\u00f6sung f\u00fcr alles zu verherrlichen. Wir brauchen etwas, das uns belebt, um in Aktion zu treten, daran gibt es keinen Zweifel, etwas, das daf\u00fcr sorgt, dass wir die Entscheidung treffen, unsere \u00c4ngste \u00fcber Bord zu werfen. Doch das l\u00f6st nicht die revolution\u00e4re Frage. Denn nach dem Erwachen aus dem Rausch dieser intensiven Erfahrungen, k\u00f6nnte der Kater zu beschwerlich sein, um noch durchzuhalten, wenn sich der weniger am\u00fcsante Teil des Kampfes ank\u00fcndigt. Man k\u00f6nnte also leicht allzu sehr in Verwirrung geraten durch die Konfrontation zwischen dem Traum und der h\u00e4sslichen Welt, die uns umgibt, so entt\u00e4uscht, deprimiert und ratlos, dass man gar nicht mehr weiss wohin und was tun. Ein scharfsinniger Blick auf die Dinge bleibt also genauso notwendig, eine Scharfsinnigkeit, um die richtigen Fragen stellen zu k\u00f6nnen, die zu einem guten Verst\u00e4ndnis davon f\u00fchren k\u00f6nnen, wie man handeln will.<\/p>\n<p><strong><em>Der Zar ist tot <\/em><\/strong><\/p>\n<p>In Russland musste, um den Weg f\u00fcr die soziale Revolution zu ebnen, die Legende des Zaren beseitigt werden. Diese Legende verband die niederen Schichten der Bev\u00f6lkerung durch Faszination, Hoffnung und Verehrung mit den F\u00fchrungsschichten der Autokratie. W\u00e4hrend dutzender Jahre machten Revolution\u00e4re einen Versuch nach dem anderen, den Zaren zu t\u00f6ten, in der Hoffnung, damit dieser ergebenen Verehrung ein Ende zu setzen. Als dies der revolution\u00e4ren Gruppe Narodna\u00efa Volia 1881 endlich gelang, schien selbst der Tod des Tyrannen nicht auszureichen, um seine Aura, den Glauben an eine helfende Kraft von oben, endg\u00fcltig zu brechen. Der Weg schien lange und war ein Mosaik aus individuellen Attentaten, Revolten, Ern\u00fcchterungen, blutiger Repression. Dieser Weg endete erst 1905, als der neue Zar Nicolas II seinen Truppen den Befehl erteilte, das Feuer auf die Massen zu er\u00f6ffnen, die zum Winterpalast gekommen waren, um ihn um Zugest\u00e4ndnisse zu bitten. Dieses Blutbad hat diese Aura, das Image, das gott\u00e4hnliche Bild des Zaren endg\u00fcltig in St\u00fccke gerissen. Die Zerst\u00f6rung des Glaubens an die Macht, vom Zaren personifiziert, war eine der wichtigsten Aufgaben auf dem Weg zur russischen Revolution.<br \/>\nDie \u00e4gyptische Geschichte der letzten zwei Jahre hat die Aura der politischen F\u00fchrer zerst\u00f6rt. Darin liegt die wirkliche Bedeutung der Vertreibung des Diktators. Gemeinsam mit ihm fiel die heilige und unantastbare Aura des Pr\u00e4sidenten von ihrem Sockel. Und diese zerst\u00f6rende Bewegung beliess es nicht dabei. Nach dem Schlag, den das Image der Armee erhielt, macht die Bewegung bei Morsi weiter. Trotz dem Gewicht, das er und seine Partei \u00fcber \u00c4gypten aus\u00fcben, kann man schwerlich sagen, dass dieser Mann und seine Partei gef\u00fcrchtet oder beliebt sind. Die zahlreichen Karikaturbilder, die man von allen Arten von F\u00fchrern und Chefs auf den Mauern der St\u00e4dte finden kann, bilden ein lebendiges Bezeugnis der sp\u00f6ttischen Haltung gegen\u00fcber der Macht. Die Angst, die Unantastbarkeit und der Respekt, die von den Fernsehreden von Mubarak auferlegt wurden, haben dem schallenden Lachen beim Vernehmen des Schwachsinns von Morsi Platz gemacht.<br \/>\nDie Auflehnung zeigte auf, dass die Zeit der Diktatur vorbei war, und so machten sich die M\u00e4chtigen auf die Suche nach Wegen, um ein neues politisches Model akzeptieren zu machen. Der Unterschied zwischen der Demokratie hier und der Demokratie dort unten ist, dass man sie dort unten einrichten will und dass die Aufst\u00e4ndischen dort nicht darauf warteten, dass ein neues Arschloch kommt, um sie zu regieren, sondern weiter k\u00e4mpfen wollten. Die extrem schwache Wahlbeteiligung in einem derart bewegten Land weist also nicht auf dieselbe apathische Haltung hin, wie wir sie hier in Europa wahrnehmen. Die Nicht-Beteiligung tr\u00e4gt die Weigerung der Gesamtheit in sich. Die Wahlen sind ein Bestandteil der Legitimierung einer neuen Macht. Die Fokusierung auf Wahlen (sowie auf andere politische Spektakel, wie den Prozess von Mubarak) wird als ein Ablenkungsman\u00f6ver betrachtet, als ein Versuch der Macht, die Aufmerksamkeit der revolution\u00e4ren Bewegung auf sich zu ziehen, ein neuer Versuch, um die Gedanken der Menschen ins Innere des vom System auferlegten Rahmen zur\u00fcckzuf\u00fchren.<br \/>\nDie \u00e4gyptische Gesellschaft befindet sich in einer politischen Sackgasse: die Politik ist schuldig, und unerw\u00fcnscht. Politik und Wahlen sind immer wieder ein Vorwand f\u00fcr Proteste, Aufruhre, Demonstrationen, physische Konfrontationen und Angriffe. Es gibt keine politische Fraktion, die \u00fcber eine seri\u00f6se Basis verf\u00fcgt. Die Freedom and Justice Party ist an die Macht gelangt, weil sie die Partei war, welche auf die meiste Unterst\u00fctzung z\u00e4hlen konnte. Diese Unterst\u00fctzung ist inzwischen grossenteils am zerbr\u00f6ckeln. Doch die schlussendliche und fundamentalere Frage ist nicht so sehr: \u201eWieviel Prozent der Bev\u00f6lkerung geht w\u00e4hlen oder wieviele Proteste wurde durch eine Verfassung ausgel\u00f6st?\u201c, sondern vielmehr: \u201eWer ist imstande, sich vorzustellen, dass die L\u00f6sungen auf die Probleme nicht von denjenigen kommen d\u00fcrfen, die sie verursacht haben (von der Macht), sondern dass es darum geht, jegliche Macht endg\u00fcltig davonzujagen? Wer ist imstande, sich Autonomie vorzustellen; autonom nicht im Sinne von Selbstversorgend inmitten eines massakrierenden Systems, sondern autonom im Sinne von \u201efrei von jeglicher F\u00fchrerschaft\u201c? Wie sehr auch die Macht entheiligt wurde, wenn diese Autonomie nicht aufkommt, wird man dennoch stets in Erwartung bleiben; auf einen guten F\u00fchrer, auf eine L\u00f6sung, die vom Himmel f\u00e4llt, auf Gott, auf die Anderen, auf&#8230; Dass die M\u00e4chtigen die Verantwortlichen von allem sind, ist teilweise wahr, aber es ist ebenso sehr das soziale Gef\u00fcge, diese Verflechtung von Beziehungen, welche die Gesellschaft der Macht formt, die die Situation, in der man lebt, aufrecht erh\u00e4lt. In einer folgenden Bewegung liegt es an diesem sozialen Gef\u00fcge, sich selbst zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong><em>Zeichen von sozialer Revolution <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es ist nicht einfach, eine zeitgen\u00f6ssische Interpretation davon zu geben, was denn die soziale Revolution w\u00e4re. Gewisse Fragen sind im Laufe der Zeit nicht einfacher geworden. So ist das Verjagen des Grossgrundbesitzers und das Niederbrennen seines Schlosses eine notwendige, aber nicht ausreichende Perspektive, um den Kapitalismus zu zerst\u00f6ren. Sowie wir nach der Beseitigung der Fabrikeigent\u00fcmer noch immer mit einem vergifteten Erbe zur\u00fcckbleiben, womit wir nichts anfangen k\u00f6nnen. Der Begriff von sozialer Revolution wird in diesem Artikel gebraucht, um vom revolution\u00e4ren Prozess zu sprechen, der die Wurzeln der Gesellschaft ber\u00fchrt, das heisst, das Geflecht der sozialen Verh\u00e4ltnisse, die die Herrschaft aufrechterhalten.<br \/>\nWer einen oberfl\u00e4chlichen Blick auf \u00c4gypten wirft, wird sagen, dass es nun eine neue Macht gibt, und die revolution\u00e4re M\u00f6glichkeit somit ins Abseits gestellt wurde, und dass einmal mehr alles f\u00fcr nichts gewesen war. Denn letztenendes wollten die Leute scheinbar einen religi\u00f6sen Staat. Aber dies ist ein grosser Fehler und das Produkt einer Lesart der Geschichte durch die Brille, die uns die Macht aufgesetzt hat. Lasst uns deutlich sein: eine Revolution ist kein Machtwechsel, noch bedeutet ein Machtwechsel das Ende der Revolution. Die Macht muss sich auch noch in den K\u00f6pfen der Leute einrichten, und dies dadurch, dass sie mit ihrem neuen Mantra den Sauerstoff in den Geistern erstickt, die sich durch die Revolution ge\u00f6ffnet haben. In den Geschichtslektionen wird dann erz\u00e4hlt, als seien diese neuen Ideen Verdienste, w\u00e4hrend sie im Grunde nichts anderes sind als neue Legitimierungen und St\u00fctzpfeiler f\u00fcr eine neue Ordnung, und somit der Todesstoss f\u00fcr den sozialen Charakter der Revolution. Diese \u201ereformerischen Ideen\u201c waren noch nie die H\u00e4nde, die der Revolution Leben gaben, wohl aber jene, die sie erw\u00fcrgten.<br \/>\nGelegentlich f\u00e4llt es den Medien etwas schwerer, zu verbergen, dass die Stille noch nicht im Geringsten zur\u00fcckgekehrt ist in \u00c4gypten: Demonstrationen und Angriffe gegen die B\u00fcros der Moslembr\u00fcder und den Pr\u00e4sidentenpalast, Konfrontationen zwischen einerseits den Moslembr\u00fcdern und ihren Vasallen und andererseits Revolution\u00e4ren und anderen W\u00fctenden, Blockaden von Strassen, Eisenbahnlinien, Trams&#8230; wenn ein revolution\u00e4rer Prozess endet, wenn in der Gesellschaft eine neue Ordnung herrscht, so kann man dies mit beispielsweise 9427 Protesten seit Morsi Pr\u00e4sident ist in \u00c4gypten schwerlich behaupten ((Offizielle Zahlen sprechen unter anderem von 2387 Demonstrationen, 1013 Streiks, 811 Sit-ins, 503 Umz\u00fcgen, 482 Versammlungen, 1555 Strassenblockaden, 28 Angriffen gegen offizielle Konvois, 18 physische Angriffe gegen Staatsinstitutionen und 16 ausgebrannte Staatsinstitutionen (dies betrifft nur die Staatsinstitutionen im strikten Sinne wie Gerichte oder Ministerien).)). Diese \u00e4usseren Zeichen der Revolte sind mit etwas Anstrengung leicht wahrzunehmen.<br \/>\nDoch was spielt sich unter der Oberfl\u00e4che ab? Was macht, dass die M\u00e4chtigen \u00fcber \u00c4gypten sprechen, als w\u00fcrde es sich in einer \u00dcbergangsphase befinden, ganz normal f\u00fcr ein Land nach einer Revolution? Was ist damit gemeint, wenn nicht, dass die neue Macht noch nicht akzeptiert wurde, dass die K\u00f6pfe der Leute noch nicht nach ihrem Abbild geknetet wurden? In anderen Worten: wenn der revolution\u00e4re Prozess erst endet, wenn man die Situation in den Griff bekommen hat, wenn man aufgeh\u00f6rt hat, nachzudenken, wenn man sich mit dem Zustand der Dinge abgefunden hat, wenn man eine neue Ideologie akzeptiert und sich ihr untergeordnet hat, wenn der alles-verschlingende revolution\u00e4re Elan verschwunden ist, wenn die wankenden sozialen Verh\u00e4ltnisse durch die in Gang Setzung ihrer ideologischen Rechtfertigung (zum Beispiel das erneute Akzeptieren des Unterdr\u00fccker-Unterdr\u00fcckter Verh\u00e4ltnisses durch die Ideologie der Demokratie) erneut betoniert worden ist, wieso wird dann hier behauptet, dass dies noch nicht an der Tagesordnung ist? Was l\u00e4sst uns hier behaupten, dass das revolution\u00e4re Potenzial noch immer pr\u00e4sent ist, dass es einen Horizont gibt, sowohl in den K\u00f6pfen der Menschen wie im Bezug auf die Zukunft der Gesellschaft?<br \/>\nDer revolution\u00e4re Prozess, der in \u00c4gypten seit mehr als zwei Jahren, mit H\u00f6hen und Tiefen, aber dennoch intensiv im Gange ist, hat eine Art permanenten konfliktm\u00e4ssigen Bruch ge\u00f6ffnet, worin es m\u00f6glich wird, Schritte in Richtung einer andere Art zu machen, im Leben und in den Beziehungen zueinander zu stehen, eine andere als diejenige, welche die Traditionen ein Leben lang vorgeschrieben haben. Die Macht des Staates, der Armee, des Kapitals bilden gemeinsam mit der Macht der Familie, den Traditionen, der Religion und der sozialen Kontrolle eine Verkn\u00fcpfung, die sich gegenseitig im Gleichgewicht h\u00e4lt. Der Kampf gegen den Staat und die Armee haben eine Infagestellung provoziert, die auch das soziale Netz ber\u00fchrt. Die Tatsache beispielsweise, nicht mehr oder nicht an Gott zu glauben, bleibt in einer solch konservativen Gesellschaft zwar problematisch, aber der Zweifel an der Religion weitet sich aus (auch dank der Politik der Moslembr\u00fcder). Diejenigen, die nicht mehr an Gott glauben, werden zu einer realen Gruppe von Personen (die sich auf zahlreichen Ebenen ausserhalb der Gesellschaft befinden, in der es durchaus akzeptiert ist, Christ, Moslem oder Jude zu sein, nicht aber, Atheist zu sein; und man findet auch Menschen, die zwar an Gott glauben, aber von Religion nichts wissen wollen). Die Weigerung, strikt nach den religi\u00f6sen Sittenregeln zu leben (wie das Verbot f\u00fcr Frauen, auf der Strasse zu rauchen, wie das Verbot von Liebesbeziehungen ausserhalb der Ehe, wie das Kopftuch&#8230;) bahnt sich im \u00f6ffentlichen Leben ihren Weg, ebenso wie die individuelle Revolte gegen das Gesetz der Familie (das w\u00e4hrend der 18 Tage der Auflehnung massiv durchbrochen wurde). Die Rebellion gegen die totale Unterordnung des Individuums gegen\u00fcber der Familie und den sozialen Regeln dr\u00fcckt sich im Alltag aus. Die Angst vor dem Vater scheint tiefer verwurzelt als die Angst vor dem Staat, aber der Kampf ist pr\u00e4sent. Diese Zeichen einer sozialen Revolution beweisen genau das Gegenteil von dem, was \u00fcber \u00c4gypten verbreitet wird, n\u00e4mlich, dass man eine neue Verfassung akzeptiert hat, worin die Familie als Fundament des zu respektierenden traditionellen Charakters der \u00e4gyptischen Gesellschaft definiert wird.<br \/>\nDie sozialen Spannungen durchziehen die Gesellschaft und somit auch die Familie. In jeder Familie lassen sich beispielsweise bestimmt irgendwo Soldaten finden, und gleichzeitig wird das Herz der Familie von der Revolte gegen die Religionen (Christentum und Islam) ber\u00fchrt. Dasselbe gilt f\u00fcr die Moslembr\u00fcder (und ihre Vasallen), die keine verschwommene Organisation sind, die sich irgendwo ausserhalb der Gesellschaft befindet, sondern aus Leuten aus allen Schichten der Bev\u00f6lkerung besteht. Die zahlreichen Konflikte spielen sich also nicht nur w\u00e4hrend Protesten ab, sondern auch auf der Strasse des allt\u00e4glichen Lebens, in Familien,&#8230; Obwohl viele aus Angst ihre revolution\u00e4re Einstellung (oder beispielsweise ihre religi\u00f6se Abtr\u00fcnnigkeit, was zum sozialen Ausschluss, oder sogar zum Tod f\u00fchren kann) vor den richtigen Leuten verborgen halten, kann dies nicht ewig verh\u00fcllt bleiben und wird es zu einem gewissen Zeitpunkt nicht anders k\u00f6nnen, als famili\u00e4re und soziale Br\u00fcche und Explosionen auszul\u00f6sen, die unvorhersehbare Wirbel zur Folge haben.<br \/>\nDies sind Zeichen daf\u00fcr, dass sich etwas am zusammenbrauen ist im Bauch der Sphinx, und der Hunger danach, das famili\u00e4re Ger\u00fcst und die soziale Kontrolle abzubalgen, ist eine absolute Notwendigkeit, um den Rest verschlingen zu k\u00f6nnen. Um der Rolle des Soldaten ein Ende zu setzen, der wie eine programmierte Maschine auf die Leute schiesst. Um der Rolle des Arbeiters ein Ende zu setzen, der f\u00fcr einen miesen Hungerlohn seinen K\u00f6rper, denjenigen der anderen und die Natur vergiftet. Um der Rolle des Mannes ein Ende zu setzen, der die Frau auf tausend Weisen kontrolliert, oder die der Frau, die sich auf tausend Weisen dem Mann unterwirft, etc.<\/p>\n<p><strong><em>Konterrevolution <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die verschiedenen M\u00e4chte, die danach trachten, die \u00e4gyptische Gesellschaft zur\u00fcck zur Ordnung zu f\u00fchren, verf\u00fcgen \u00fcber zahlreiche M\u00f6glichkeiten. Das rohe Einhacken auf die Bewegung hat bis jetzt stets den gegenteiligen Effekt gehabt. Das Feuer verbreitet sich in \u00c4gypten sehr schnell, auch \u00fcber die Grenzen der St\u00e4dte hinaus, und die w\u00fctende Revolte ist allzu pr\u00e4sent, um damit zu spielen. Vielmehr als ein Grund, um \u00e4ngstlich zu sein, sind die Morde jedes Mal ein neuer Grund gewesen, um mutig zu sein und alles auf den Kopf zu stellen. Die zahlreichen Portraits von M\u00e4rtyrern, denen man auf den Mauern der St\u00e4dte begegnet, zeugen von der intensiven Verbindung zwischen jenen, die tod sind, und jenen, die weiterk\u00e4mpfen.<br \/>\nDie physischen Waffen wie Steine, Schlagst\u00f6cke, ein besonders aggressives Tr\u00e4nengas und scharfe Munition wurden bei Protesten und Aufruhren eingesetzt. Die Fahrzeuge der Ordnungsh\u00fcter sind inzwischen durch ein neues Modell ersetzt worden, das feuerresistent ist, mit L\u00f6chern, um zu schiessen, und bedeckt mit eisernen Gittern, die elektrisch geladen sind (um die Leute davon abzuhalten, auf sie hinauf zu klettern). Doch es wurden auch andere Mittel eingesetzt. Neue Gesetze wurden durchgesetzt, Leute wurden nach Demonstrationen verhaftet, auch an Stellen, die weit von den Protesten entfernt waren. Die Verhaftungsbefehle und Anklagen der Staatsanw\u00e4lte regneten&#8230; Im April 2013 kam es zu einem neuen Pr\u00e4zedenzfall, als streikende Eisenbahnarbeiter von der Armee aufgeboten und in ihrem Dienste wieder an die Arbeit gesetzt wurden ((Wie bereits gesagt, bleibt man nach dem Milit\u00e4rdienst noch f\u00fcr 15 Jahren der Armee zur Verf\u00fcgung.)).<br \/>\nAuf ideologischer Ebene versucht die Macht, demokratische befriedigende Ideen durchzusetzen, wie zum Beispiel die Idee, \u201efriedlich zu demonstrieren\u201c, die man den Menschen in die K\u00f6pfe zu setzen versucht, kombiniert mit der Angst vor einem permanenten Chaos, die man ihnen einfl\u00f6st. Sie setzt auf das Verlangen nach Ordnung, das man stets bei einen Teil der Bev\u00f6lkerung versp\u00fcren wird. Es gibt solche, die sich dar\u00fcber beklagen, dass man fr\u00fcher zumindest Respekt vor den Politikern hatte, solche, die sagen, dass es unter Mubarak besser war (da stabiler), ebenso wie es Menschen gibt, die zur\u00fcck zur Zeit von Nasser wollen, oder nochmal andere, die zur R\u00fcckkehr der Armee an die Macht aufrufen. Abgesehen von der Idee des friedlichen Protestes, versucht die Macht auch, die Idee der Wahlen durchzusetzen. Nach einer Auflehnung zu Wahlen aufzurufen oder sie zu akzeptieren, dient stets allein dazu, sie zu begraben: egal wer die Erde oben drauf schaufelt. Der konservative und gl\u00e4ubige Teil der Bev\u00f6lkerung, gemeinsam mit jenem Teil, der schlicht eine politische Ver\u00e4nderung will, ging in \u00c4gypten an die Urnen, und Morsi wurde zum Pr\u00e4sidenten. \u00dcber die Auflehnung sagen uns die Wahlergebnisse also nichts mehr, als dass es auch Leute gibt, die wollen, dass der revolution\u00e4re Prozess beendet wird. Es ist eine moderne Technik, um wieder zur Ordnung zu gelangen.<\/p>\n<p>Abgesehen von den kontinuierlichen Versuchen, ein neues politisches System akzeptieren zu machen, wird selbstverst\u00e4ndlich auch auf die St\u00fctzpfeiler der Macht gesetzt, die bereits pr\u00e4sent sind, wie der Nationalismus. Im Fernsehen kann man Spots sehen, die die \u00e4gyptische Auflehnung gegen Mubarak (jene 18 Tage) auf eine besonders nationalistische Weise verherrlichen, mit einer Fahnenflut und der folgenden Mitteilung: alle vereint f\u00fcr die Zukunft von \u00c4gypten. Andere St\u00fctzpfeiler sind die Leidenschaft f\u00fcr Fussball ((Siehe diesbez\u00fcglich die ganzen Ereignisse rund um Port Sa\u00efd, die instrumentalisiert wurden, um die Konkurrenzgef\u00fchle zwischen Kairo und Port Sa\u00efd zu sch\u00fcren, so dass sie bis zu Hass wurden.)) und der Sexismus. Die Gruppenvergewaltigungen, die w\u00e4hrend des zweiten Jahrestags der Auflehnung einen Schatten \u00fcber den Tahrirplatz warfen, wurden von Vasallen der Macht angezettelt, doch aufgrund der bestehenden sexistischen Verh\u00e4ltnisse in der Gesellschaft haben diese Vasallen Komplizen unter den Anwesenden gefunden. Was man sich dennoch bez\u00fcglich dieser Vergewaltigungen pr\u00e4sent halten muss, ist, dass dies bereits vor 2011 passierte, und somit sicherlich keine Folge der revolution\u00e4ren Situation ist, wie manche behaupten. Diese angstvollen Gedanken n\u00fctzen einzig dem Lager des Staates, der einerseits darauf aus ist, die Frauen aus dem Kampf zur\u00fcckzuhalten, und andererseits begierig auf jegliche Art von Aufrufen wartet, um die Polizei wieder auf den Strassen pr\u00e4sent zu machen. Wie \u00fcberall und immer wird das Problem des Sexismus instrumentalisiert, einerseits als Legitimierung daf\u00fcr, dass Frauen besser zuhause bleiben, und andererseits als Legitimierung der Notwendigkeit des paternalistischen Staates und seiner Ordnungskr\u00e4fte, um \u201edie Schwachen\u201c zu besch\u00fctzen. Schliesslich wird auch die Religion instrumentalisiert. So giessen der Staat und seine Anh\u00e4nger (aber nicht nur, selbstverst\u00e4ndlich) systematisch \u00d6l ins Feuer von sektenhaften Konflikten und bedienen sich Imams der Predigt, um ihre Gl\u00e4ubigen beispielsweise dazu aufzurufen, w\u00e4hlen zu gehen, und um ihnen zu sagen, f\u00fcr wen sie w\u00e4hlen sollen.<\/p>\n<p>Um abzuschliessen, muss man sich auch die \u00f6konomische Repression bewusst halten. Die Folgen von Morsi&#8217;s Fortsetzung der neoliberalen Politik von Mubarak (der Ausverkauf von \u00c4gypten an allerlei Unternehmen, um eine gr\u00f6sst m\u00f6gliche Ausbeutung der Arbeiter sicherzustellen) und die Darlehnen des IWF und der EU sind schwer und werden es noch mehr sein. Der \u00f6konomische Terror sorgt n\u00e4mlich daf\u00fcr, dass die Menschen an die sozialen Verh\u00e4ltnisse gebunden bleiben, die sie unterdr\u00fccken: die Verh\u00e4ltnisse zwischen Boss-Arbeiter, die famili\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse, die Konkurrenz- und Wettkampfverh\u00e4ltnisse zwischen den Menschen,&#8230; Im Wissen, dass wir uns in einer globalisierten Wirtschaft befinden, erschwert es dies einerseits, sich einen Ausweg vorzustellen, und gleichzeitig ist die L\u00f6sung klar wie Quellwasser: eine Internationalisierung der Revolution.<\/p>\n<p><strong><em>Sind wir sicher, keine Angst vor Ruinen zu haben? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Welche Fragen dr\u00e4ngen sich in dieser revolution\u00e4ren Situation in der modernen Welt auf? Was k\u00f6nnte eine revolution\u00e4re Perspektive sein? Was kann eine anarchistische Minderheit in dieser Situation ohne deutlichen Ausweg bedeuten? Wir beabsichtigen nicht, hier Antworten auf Fragen zu geben, die dort unten gestellt wurden, sondern einige Fragen zu stellen, die f\u00fcr jeden revolution\u00e4ren Anarchisten von Wichtigkeit sind, egal wo er sich befindet.<br \/>\nIn der \u00e4gyptischen Situation ist es deutlich, dass ein gigantischer revolution\u00e4rer Elan einen tiefen Bruch in der Gesellschaft verursacht hat. Doch dieser Raum, der durch den Konflikt mit Gewalt ge\u00f6ffnet wurde, und worin man bereits jetzt etwas besser atmen kann, dieser Raum, woraus der Staat zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wurde und worin man beginnen k\u00f6nnte, an eine aufbauende Arbeit zu denken, kann der Staat diesen Raum nicht erneut zur\u00fcckerobern, sobald die Zeit daf\u00fcr reif ist? In anderen Worten: gen\u00fcgt es, den Staat anzugreifen und zu vertreiben, oder muss er zerst\u00f6rt werden, damit er nie wider zur\u00fcckkehren kann ((Durch die Geschichte hindurch sind die Beispiele von Situationen, wobei Revolution\u00e4re den Eindruck hatten, den Staat in die Knie gezwungen zu haben, w\u00e4hrend sich dieser in Wirklichkeit nur f\u00fcr einen Moment zur\u00fcckzog, um sich neu zu organisieren, tragisch zahlreich. In diesem Sinne k\u00f6nnen wir einen Unterschied machen zwischen dem Zur\u00fcckdr\u00e4ngen des Staates, was einen gewissen Spielraum f\u00fcr freies Experimentierung gestattet; und der Zerst\u00f6rung des Staates, die es praktisch verunm\u00f6glicht, dass er, auf eine derartige Weise, die Dinge wieder in die Hand nehmen wird. Diese Zerst\u00f6rung ist sowohl ein materieller wie geistiger Akt: das Ende des Vertrauens in die Autorit\u00e4t und die Hierarchie geht einher mit der energischen Zerst\u00f6rung von dem, was den Straat erm\u00f6glicht, wie das Gewaltmonopol (indem man alle bewaffnet), das Finanzwesen (indem man die Goldreserven oder Eigentumsregister zum Verschwinden bringt), die Verwaltung (indem man die Identit\u00e4tsdaten verbrennt), die F\u00fchrer (indem man sie unsch\u00e4dlich macht, m\u00f6glichst bevor sie beginnen, tats\u00e4chlich ein Problem darzustellen), die Repressionskapazit\u00e4t (indem man die Gef\u00e4ngnisse und Gerichte sprengt),&#8230;))?<br \/>\nDemnach ist es wichtig, uns die Frage zu stellen, ob der revolution\u00e4re Elan, der f\u00fcr die Revolution ein unentbehrlicher Motor ist, ein ausreichender Motor ist. Dieser Elan, der eine enorme Hoffnung entstehen l\u00e4sst, eine Art freudiger kollektiver Rausch, kann auch f\u00fcr einen entsprechenden Kater sorgen: denn eine Revolution wird nicht in einem Tag gemacht, sie ist ein Werk, das Beharrlichkeit und Diskussion fordert, das richtige Fragen ben\u00f6tigt. Die Probleme, die es vor der Revolution gab, werden nicht so schnell verschwinden, wie es uns der Rausch glauben machen mag. In \u00c4gypten k\u00f6nnte man sagen, dass dieser Elan noch immer pr\u00e4sent ist und daf\u00fcr sorgt, dass Menschen weiterk\u00e4mpfen, aber die Realit\u00e4t fordert mehr als das. Es ist die schwierigste Frage von allen: was nun?<br \/>\nEine neue Gesellschaft kann nur auf neuen Verh\u00e4ltnissen zwischen Menschen aufgebaut werden, und wenn die alten Verh\u00e4ltnisse noch aufrecht stehen, bedeutet dann der Aufbau von etwas \u201eneuem\u201c nicht zwangsl\u00e4ufig die Reproduktion des \u201ealten\u201c, wenn auch in anderer Form? Doch wenn wir uns dies bewusst halten, dann kommen wir, innerhalb einer revolution\u00e4ren Situation, doch nicht um die Frage der Selbstorganisation des Leben in all seinen Aspekten herum, einschliesslich der \u201e\u00f6konomischen\u201c Aspekte. Vielleicht k\u00f6nnen wir die Frage umdrehen und dar\u00fcber nachdenken, welche Perspektiven oder Experimente keine R\u00fcckkehr zu kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen bedeuten w\u00fcrden. In einem Land wie \u00c4gypten, in dem eine nicht-kapitalistische Form der Landwirtschaft (f\u00f6deralistisch, basierend auf Kollektiven oder Affinit\u00e4ten, nach Selbstversorgung und Autonomie strebend) m\u00f6glicherweise noch vorstellbar ist, k\u00f6nnte die Enteignung des Bodens und die Vertreibung der Grundbesitzer (haupts\u00e4chlich die Armee oder Unternehmen) mit dem Auftauchen von neuen, libert\u00e4ren Formen einhergehen.<br \/>\nEs ist klar, dass wir, als Anarchist, sicher nicht in die Falle der Reproduktion von Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnissen treten d\u00fcrfen. Menschen werden stets Wege finden, um sich selbst f\u00fcr die Sicherung ihres \u00dcberlebens zu organisieren, wir brauchen uns nicht wie F\u00fcrsorger, die Menschen an sich binden, unter die Leute und ihre Leben zu begeben. Doch wie kann dann die Zerst\u00f6rung der Macht in ihrem geistigen Aspekt (das Brechen mit dem Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis von dem, was uns an die Unterdr\u00fcckung und die Macht gebunden h\u00e4lt) vorangetragen werden? Wie kann man zu einer Verwerfung der Technologie gelangen, die uns, selbst f\u00fcr etwas so elementares wie Kommunikation, von der Macht abh\u00e4ngig macht?<br \/>\nNun aber, dies gibt uns noch immer keine Antwort. Denn in einem Klima, worin f\u00fcr eine andere Welt gek\u00e4mpft wird, und dies ohne deutliche Antworten, dr\u00e4ngt sich der Beginn von dem, was denn diese neue Welt sein k\u00f6nnte, auf. Haben wir die Vorstellung von etwas neuem n\u00f6tig, um zu k\u00e4mpfen, oder k\u00f6nnen wir f\u00e4hig sein, einzig f\u00fcr die Zerst\u00f6rung des Bestehenden zu k\u00e4mpfen, die Zerst\u00f6rung der Unterdr\u00fcckung und all dessen, was sie m\u00f6glich macht? Sind wir f\u00e4hig, uns vorzustellen, was eine freie Gesellschaft sein kann, mehr als nur zu sagen, was wir nicht wollen? Sind wir f\u00e4hig, uns vorzustellen, was Freiheit ist, was freie Beziehungen sind, wenn wir noch immer von Z\u00fcgeln zur\u00fcckgehalten werden? Und noch immer sind dies keine Antworten auf die Anfangsfrage, \u201ewas nun?\u201c<br \/>\nVielleicht l\u00e4uft es auf die alte Frage hinaus: sind wir imstande, dem wirklichen Werk der Zerst\u00f6rung freien Lauf zu lassen, oder haben wir, letztenendes, Angst vor der Freiheit? Um ein provozierendes Beispiel zu machen: was will man mit dem Aswan-Damm tun, der die \u00e4gyptische Landwirtschaft von D\u00fcngmitteln und anderem chemischen M\u00fcll abh\u00e4ngig gemacht hat, der aber ebenso daf\u00fcr sorgt, dass der \u00e4usserst fruchtbare Nil nicht alle soundso viele Monate \u00fcber seine Ufer tritt? Sowie dieser Damm f\u00fcr das Fortbestehen des kapitalistischen Modells (das sich nicht auf den Rhythmus der Gezeiten st\u00fctzen kann) notwendig ist, so scheint der Abbruch dieses Damms eine Notwendigkeit, um mit libert\u00e4ren Formen experimentieren zu k\u00f6nnen. Aber sind wir f\u00e4hig, die Notwendigkeit von Ruinen zu akzeptieren?<br \/>\nOder: Was fangen wir mit einer Gesellschaft an, die nach dem Abbild gewisser Denkmuster modelliert ist, und von der somit nichts mehr \u00fcbrig bleibt nach der Zerst\u00f6rung dieser Denkmuster? Sind wir bereit daf\u00fcr, die Denkmuster loszulassen, die seit unserer Geburt unsere sozialen Beziehungen geformt haben? Diese Denkmuster, die uns unser Selbstwertgef\u00fchl geben, die Identit\u00e4ten, an denen wir uns festklammern k\u00f6nnen, und auf die wir in Zeiten der Krise zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen. Sind wir bereit daf\u00fcr, unabh\u00e4ngig zu sein, in unserem Denken und in unserem Handeln?<br \/>\nDie Frage ist, was Menschen letztendlich zur\u00fcckh\u00e4lt: die bewaffnete Macht oder das Verlangen nach Ordnung, vielleicht nach einer neuen Ordnung, aber dennoch: nach einer Ordnung. Die Revolution\u00e4re werden sich unvermeidlich mit diesen Fragen konfrontiert sehen, und dann dr\u00e4ngt sich eine letzte Frage auf: sind wir sicher, keine Angst vor Ruinen zu haben?<br \/>\nUnd wenn wir wirklich keine Angst haben, dann m\u00fcssen wir die Zerst\u00f6rung von allen Illusionen, sowie der H\u00e4user, worin sie entstehen, wie gewaltsam dies auch sein mag, fortsetzen.<\/p>\n<p><strong><em>Die Internationalisierung der Revolution <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eine mindestens ebenso wichtige Frage dr\u00e4ngt sich auf, einem jeden, von egal welchem Kontext. Es ist die m\u00fchsame Frage des Internationalismus, die uns nackt dastehen l\u00e4sst. Dennoch sind unsere internationalistischen Aufgaben einfach.<br \/>\nWir m\u00fcssen dar\u00fcber nachdenken, wie eine anarchistische revolution\u00e4re Perspektive in einer modernen Welt aussehen kann. Solange dies keine geteilte Sorge ist, wird daraus nichts werden.<br \/>\nWir m\u00fcssen die revolution\u00e4re Flamme dort sch\u00fcren, wo wir wohnen und agieren, und die Korrosion der Macht unter all ihren Formen propagieren.<br \/>\nSchliesslich m\u00fcssen wir \u00fcber Wege nachdenken, um unsere Solidarit\u00e4t mit anarchistischen Revolution\u00e4ren von anderswo zu vertiefen. Dies ist entscheidend und notwendig. Nicht nur, um Dinge \u00fcber Insurrektion und Revolution zu lernen, sondern, um durch die Diskussion zu einem eigenen Begriff davon zu gelangen, was wir tun k\u00f6nnen.<br \/>\nDieser Internationalismus ist kein politisches Spiel. Es geht nicht um Koalitionen, die sich miteinander konfrontieren, es geht nicht um die Bestimmung eines Programms und die Suche nach Anh\u00e4ngern. 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