{"id":9251,"date":"2013-07-21T19:48:56","date_gmt":"2013-07-21T18:48:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=9251"},"modified":"2013-07-21T19:48:56","modified_gmt":"2013-07-21T18:48:56","slug":"thomas-meyer-falk-aus-einem-totenhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-aus-einem-totenhaus","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: Aus einem Totenhaus\u2026"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" rel=\"lightbox[9251]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft\" title=\"faust-durchs-gitter\" alt=\"faust-durchs-gitter\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" width=\"115\" height=\"120\" \/><\/a>Wie k\u00fcrzlich <a title=\"Thomas Meyer-Falk in SV \u201eangekommen\u201c\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-in-sv-angekommen\" target=\"_blank\">berichtet<\/a> befinde ich mich seit kurzem in der <a href=\"http:\/\/anonym.to?http:\/\/jva-freiburg.de\" target=\"_blank\">JVA Freiburg<\/a> in Sicherungsverwahrung und berichte im Folgenden von den ersten Eindr\u00fccken.<\/p>\n<p><em>Station 2<\/em><\/p>\n<p>Schon am ersten Tag wurde ich auf die sogenannte \u201eOrientierungsstation\u201c, auch \u201eIndividualabteilung\u201c eingewiesen; die dort Lebenden, maximal 15 Bewohner, bezeichnen sie selbst als die \u201eQuerulanten- und Therapieverweigerer-Abteilung\u201c.<!--more--> W\u00e4hrend auf den anderen drei Stationen rege Therapieangebote erfolgen, \u00fcberl\u00e4sst man uns von \u201eStation 2\u201c \u2013 wunschgem\u00e4\u00df \u2013 uns selbst. Auff\u00e4llig ist, dass ein Gro\u00dfteil der Mitverwahrten auf dieser Station in ihrem Haftleben lange Zeit in Isolationstrakten verbracht hat; es scheint also, bei allen Unterschieden im Einzelfall, ein spezieller Typ Mensch zu sein, der sich dem Therapiediktat verweigert.<\/p>\n<p><em>Die Haftbedingungen<\/em><\/p>\n<p>Die Zellen (das Gesetz spricht euphemistisch von Zimmern) sind knapp 15 m2 gro\u00df, das Klosett ist baulich abgetrennt. Letzteres ist nur bedingt originell, denn die L\u00fcftung in dem WC-Raum funktioniert nicht, so dass man gezwungen ist die T\u00fcre zur Zelle ge\u00f6ffnet zu lassen, womit man wieder im auch f\u00fcr den Strafvollzug typischen \u201eWohnklo\u201c lebt. Sich auf der Station frei bewegen kann man werktags ab 7 Uhr und wochenends ab 8 Uhr. In den Zellen eingeschlossen wird man kurz nach 22 Uhr. Das ist zur vorangehenden Strafhaftzeit in Bruchsal schon eine Verbesserung, da dort die Zellen die meiste Zeit des Tages verschlossen waren.<br \/>\nAuf jeder der Stationen gibt es einen weitestgehend identisch eingerichteten Gruppenraum: eine riesige Ledercouch (eine Tageszeitung schrieb gar <a title=\"Thomas Meyer-Falk: SV-Knast in Freiburg\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-sv-knast-in-freiburg\" target=\"_blank\">von einer \u201eSofalandschaft\u201c<\/a>), dazu einen Fernseher, einen Tisch mit 6 St\u00fchlen. Je nach Station stehen Billardtisch, Tischfu\u00dfball oder eine Dart-Scheibe zur Verf\u00fcgung. Hier in der \u201eStation 2\u201c, in der ich lebe, gibt es zwei Aquarien mit Fischen.<br \/>\nEine kleine K\u00fcche mit sechs Herdplatten und Backofen erm\u00f6glicht sich selbst zu verk\u00f6stigen. Dazu noch eine Gemeinschaftsdusche f\u00fcr maximal vier Personen (also vier Duschk\u00f6pfe in der Duschzelle).<br \/>\nIn den Gef\u00e4ngnishof kann man drei Mal am Tag f\u00fcr jeweils zwei Stunden. Jedoch wirkt der Hof erdr\u00fcckend, da er von einer hohen Mauer und auch dem umgebenden Haftgeb\u00e4ude eingeengt wird. Da helfen dann auch ein paar Blumen, die winzige Wiese und einige Pflanzenbeete nicht viel weiter. \u00dcber das angeblich malerische B\u00e4chlein, welches laut Presseberichten durch den Hof flie\u00dfen soll, vermag ich nichts zu berichten, denn flie\u00dfen tut da nichts. Mitverwahrte sagten aus, nur anl\u00e4sslich hohen Ministerbesuchs und Presse w\u00fcrde die Pumpe f\u00fcr das installierte B\u00e4chlein eingeschaltet; die JVA, in Gestalt des juristischen Leiters der SV, Herrn Oberregierungsrat R. betont, die Pumpe sei defekt, zumindest jetzt \u2013 nach dem Ministerbesuch.<\/p>\n<p><em>Die Bewohner<\/em><\/p>\n<p>Nicht zu Unrecht leben wir hier auf der \u201eIndividualstation\u201c, denn \u201eindividuell\u201c sind ihre Bewohner. Da ist H., muskul\u00f6s, der ungefragt und detailliert \u00fcber das von ihm begangene Sexualdelikt spricht (\u201e\u2026ich habe nur den Finger rein gesteckt\u2026\u201c). Er f\u00fchrt an, schon seit Jahren den Gro\u00dfteil seines von der Anstalt gew\u00e4hrten Taschengeldes in den \u201eT\u00e4ter-Opfer-Ausgleich\u201c zu investieren, au\u00dferdem auch Gelder an die Kindernothilfe zu spenden. Oder F., sein wildes rotes Haar ist sein Markenzeichen, genauso wie nachts laute Musik und ebensolche Selbstgespr\u00e4che. Seinen Nachbarn bringt der L\u00e4rm fast um den Verstand und nachts durchzuschlafen ist f\u00fcr diesen unm\u00f6glich. Auf den ersten Blick fragt man sich, was F. in der SV zu suchen hat, da er oft einen eher verwirrten Eindruck macht. Da steht er dann auf dem Flur, st\u00f6\u00dft unartikulierte Laute aus, starrt vor sich hin, bevor er wieder in seine Zelle zur\u00fcck schlurft.<br \/>\nMit Lilo, einem Vollzugsveteranen, von mehreren Jahrzehnten Haft gepr\u00e4gt, und S. sitze ich meist schon um 7.30 Uhr am Tisch im Gruppen-\/Freizeitraum beim morgendlichen Kaffee. Vor bald drei\u00dfig Jahren machte Lilo Schlagzeilen, da er anl\u00e4sslich der Urteilsverk\u00fcndung, er wurde u.a. wegen Drogenhandels im Strafvollzug zum zweiten Mal zur SV verurteilt, von der anwesenden Polizei angeschossen wurde, als er aufsprang und schrie: \u201eSchie\u00dft doch, schie\u00dft doch!\u201c Der Vorfall wird heute noch auch in der Fachliteratur zur SV zitiert, um zu dokumentieren, zu welcher Verzweiflung die Anordnung der SV f\u00fchrt.<br \/>\nSpannend auch die zwei unmittelbaren Zellennachbarn. Zu linker Hand M., ehemaliges Mitglied eines Rockerclubs, der als einer der Wenigen in Baden-W\u00fcrttemberg zur nachtr\u00e4glichen SV verurteilt wurde. Vor \u00fcber 15 Jahren hatte er versucht seinen Arbeitgeber und dessen Partnerin zu t\u00f6ten. Wie er erz\u00e4hlt, habe er mit dem \u201eLeben drau\u00dfen\u201c abgeschlossen; und so sitzt er in seiner wirklich k\u00e4rglich eingerichteten Zelle, kein Bild an den W\u00e4nden, vor seinem Fernseher und einem kleinen Radio. Tag um Tag.<br \/>\nZu rechter Hand, auch ideologisch gesehen, hat Jakob seinen Haftraum, ein sich offensiv als \u201edeutscher Nationalist\u201c gebender Langzeitverwahrter, der in K\u00fcrze die ersten 10 Jahre SV erreichen wird. Von der Justiz f\u00fchlt er sich zutiefst benachteiligt und schikaniert, da man ihm zahlreiche CDs und MCs mit \u201eRechtsrock\u201c und \u201enationaler Musik\u201c aus dem Haftraum weggenommen habe.<\/p>\n<p><em>Das Personal<\/em><\/p>\n<p>Angestellte PsychologInnen und SozialarbeiterInnen sind hier ebenso t\u00e4tig wie Ergotherapeuten. Zu sehen bekommt man sie jedoch in der Regel nur, wenn man sich aktiv an Therapien beteiligt. Die f\u00fcr die \u201eStation 2\u201c zust\u00e4ndige Diplomsozialarbeiterin B. ist werktags meist kurz mal auf der Station zu sehen und jeden Mittwoch etwas l\u00e4nger, um im Gruppenraum \u00fcber Belange des Stationsalltages zu sprechen (wie z.B. die Beschaffung notwendiger Utensilien f\u00fcr die Gemeinschaftsk\u00fcche). Ein w\u00f6chentliches Treffen, welches auf Initiative der Verwahrten eingerichtet wurde, denn da sich die Betroffenen hier der Kooperation mit TherapeutInnen weitestgehend entziehen, ist das willkommener Anlass f\u00fcr die Anstalt, den Betreuungsschl\u00fcssel abzusenken.<br \/>\nDas Dienstzimmer, wo eigentlich stets ein Beamter des uniformierten Dienstes sitzen sollte, ist regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber lange Phasen unbesetzt.<br \/>\nJuristischer Leiter ist der Oberregierungsrat R., in fr\u00fcheren Jahren Abteilungsleiter in der JVA Bruchsal.<\/p>\n<p><em>Erster Ausblick<\/em><\/p>\n<p>In Dantes \u201eG\u00f6ttliche Kom\u00f6die\u201c stand \u00fcber dem Eingang zur H\u00f6lle geschrieben: \u201eLasst, die ihr hier eintretet, alle Hoffnung fahren\u201c, ein Leitsatz, der auch hier \u00fcber das Eingangstor gemei\u00dfelt werden k\u00f6nnte, denn die Hoffnungslosigkeit, Wut und Hilflosigkeit vieler der Bewohner hier f\u00e4llt einen geradezu an. Nur Wenige verf\u00fcgen \u00fcber soziale Kontakte in die Freiheit oder zur Familie. Die Meisten sitzen schon seit vielen Jahren, wenn nicht gar seit Jahrzehnten hinter Gef\u00e4ngnismauern und erleben, dass sich in ihrem Leben nichts wirklich vorw\u00e4rts bewegt. Hinzu kommt erhebliches Misstrauen gegen\u00fcber dem Personal, wie auch Mitverwahrten gegen\u00fcber. Die pure Ereignislosigkeit auf der Station hat einen l\u00e4hmenden Effekt auf K\u00f6rper und Geist. Und auch gestorben wird hier, ich bewohne Zelle 135, dort starb vor wenigen Monaten ein Sicherungsverwahrter.<br \/>\nWeder die gegenw\u00e4rtige Situation, die im L\u00e4ndervergleich sch\u00e4big zu nennen ist, so gibt es im nieders\u00e4chsischen Rosdorf f\u00fcr jeden Verwahrten eine eigene Dusche und Kochzeile in der Zelle, dazu Telefon und Computer, man darf Bargeld besitzen, jederzeit in einen Hof oder auch einen Sportraum mit Kraftsportger\u00e4tschaften, mehrmals pro Woche kann man einkaufen, alles Gegebenheiten, die man uns in Freiburg verwehrt, noch der Ausblick sind allzu erbaulich. Aber es liegt auch an jedem Einzelnen, was er aus einer Situation macht.<\/p>\n<p><em>Thomas Meyer-Falk<br \/>\nc\/o JVA (Sicherungsverwahrung)<br \/>\nHermann-Herder-Str. 8<br \/>\nD-79104 Freiburg<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\" target=\"blank\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><\/em><br \/>\n<em> <a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\" target=\"blank\">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a> <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie k\u00fcrzlich berichtet befinde ich mich seit kurzem in der JVA Freiburg in Sicherungsverwahrung und berichte im Folgenden von den ersten Eindr\u00fccken. 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