{"id":9518,"date":"2013-11-02T22:51:31","date_gmt":"2013-11-02T21:51:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=9518"},"modified":"2014-12-19T08:07:06","modified_gmt":"2014-12-19T07:07:06","slug":"prisoners-talkin-blues-os-cangaceiros","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/prisoners-talkin-blues-os-cangaceiros","title":{"rendered":"\u201ePrisoner&#8217;s Talkin&#8217; Blues\u201c (Os Cangaceiros)"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Os-Cangaceiros-Ein-Verbrechen-namens-Freiheit-cover.jpg\" rel=\"lightbox[9518]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-9519\" title=\"Os Cangaceiros - Ein Verbrechen namens Freiheit\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Os-Cangaceiros-Ein-Verbrechen-namens-Freiheit-cover-186x250.jpg\" alt=\"Os Cangaceiros - Ein Verbrechen namens Freiheit\" width=\"119\" height=\"160\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Os-Cangaceiros-Ein-Verbrechen-namens-Freiheit-cover-186x250.jpg 186w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Os-Cangaceiros-Ein-Verbrechen-namens-Freiheit-cover.jpg 224w\" sizes=\"(max-width: 119px) 100vw, 119px\" \/><\/a>Folgender Text ist ein Auszug aus dem Buch <\/em>Os Cangaceiros &#8211; Ein Verbrechen namens Freiheit<em>, Cumbula Velifera &amp; Unruhen Publikationen, Amsterdam, September 2013. Das Buch gibt es an den \u00fcblichen Orten und kann \u00fcber <a href=\"mailto:unruhen@hushmail.com\" rel=\"nofollow\">unruhen@hushmail.com<\/a> bezogen werden. <a title=\"\u201eDie industrielle Domestizierung\u201c (Os Cangaceiros)\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/die-industrielle-domestizierung-os-cangaceiros\" target=\"_blank\">Die industrielle Domestizierung<\/a> aus demselben Buch.<\/em><\/p>\n<p><span class=\"dropcap\">D<\/span>as Schicksal der H\u00e4ftlinge innerhalb der Mauern ist untrennbar verbunden mit den allgemeineren Bedingungen, die den Massen der Armen heutzutage in der Gesellschaft vorbehalten sind. Das hat die Welle der Meutereien von Mai 1985 bewiesen, die haupts\u00e4chlich von Untersuchungsh\u00e4ftlingen durchgef\u00fchrt worden sind, und zwar ausschlie\u00dflich in den <i>Maisons d&#8217;arr\u00eat<\/i> [Untersuchungsh\u00e4ftlinge und Strafen bis zu einem Jahr] \u2013 die Haftanstalten f\u00fcr Langzeitgefangene sind ruhig geblieben, aber selbstverst\u00e4ndlich erhalten nun einige Untersuchungsh\u00e4ftlingen \u201elange Strafen\u201c und werden dann dorthin wechseln. Die Mehrheit der Meuterer geh\u00f6rte zu jenen \u201eUntersuchungsh\u00e4ftlingen\u201c, die schlussendlich doch alle verurteilt werden, mindestens f\u00fcr solange, wie die Zeit, die sie bereits auf ihr Urteil wartend verb\u00fc\u00dft haben: dabei handelt es sich um \u201eKleinkriminelle\u201c, also Menschen, die wir drau\u00dfen sehr oft antreffen k\u00f6nnen. Die Revolte, die sich innerhalb der Mauern anbahnt, ist nichts weiter als die Fortsetzung der Revolte, die sich drau\u00dfen bereits in den Vorst\u00e4dten vollzogen hat: und eine Konsequenz ihrer Repression.<\/p>\n<p>Im Frankreich von 1985 z\u00e4hlen die Gefangenen zu den wenigen Menschen, die sich noch mit Herz und Verstand der Revolte hingeben.<\/p>\n<p>Diejenigen, die der generellen Niederschlagung drau\u00dfen noch entkommen, erkennen sich zwangsl\u00e4ufig in der Revolte der H\u00e4ftlinge wieder: wegen ihrem Inhalt sind sie forciert, ihr eine universelle Bedeutung einzur\u00e4umen. Zumindest eine Sache ist sicher; die Revolte gegen die Gef\u00e4ngnisse bricht auch <i>drau\u00dfen<\/i> los.<\/p>\n<p>Diese Welle der Revolten war ebenso gegen das Gef\u00e4ngnis wie gegen die Justiz gerichtet. Bisher sind die Revolten \u00fcber die Strafanstalten hergefallen, mittlerweile fallen sie auch \u00fcber das Gerichtswesen her. Die H\u00e4ftlinge haben sich bereits gegen die Vollstreckung ihrer Strafe aufgelehnt, jetzt revoltieren sie gegen das Urteil der Gesellschaft. Bisher haben die H\u00e4ftlinge gegen die Art und Weise protestiert, wie sie innerhalb der Mauern behandelt werden, mittlerweile protestieren sie auch gegen die Art und Weise, wie sie von einer Gesellschaft behandelt werden, deren Allgemeinwohl von der Justiz repr\u00e4sentiert wird. Die Revolte der Gefangenen wird von den Staatspartisanen um so mehr als gef\u00e4hrlich empfunden, wenn sie mit der Zerschmetterung des gesamten Rechtssystems droht, welches das Kernst\u00fcck des Staatsapparats und das Sicherheitsventil der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft bildet. Es war also nur logisch, dass ihre Revolte drau\u00dfen auf ein Echo sto\u00dfen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Unser Ziel ist es nicht unbedingt, im Drinnen ausgedr\u00fcckte Forderungen, die nach einzelnen Verbesserungen der Haftbedingungen streben, drau\u00dfen zu unterst\u00fctzen. Wir sind solchen Forderungen gegen\u00fcber nicht kleinlich: wir wissen, wie die Dinge im Inneren ablaufen. Wir versuchen an erster Stelle, die Idee selbst des Gef\u00e4ngnisses zu bek\u00e4mpfen. Wir wollen die Zerst\u00f6rung dieser verfluchten Institutionen erreichen. Wir k\u00f6nnen also jede Form der Forderung ermutigen und hoch heben, die diesen einzigartigen, lebensnotwendigen Anspruch beinhaltet: \u201eLuft!\u201c.<\/p>\n<p>Wir geh\u00f6ren zu jenen Menschen, die riskieren, im Gef\u00e4ngnis zu landen und verweigern somit g\u00e4nzlich <i>das unabwendbare Schicksal<\/i>.<\/p>\n<p>Die Schwierigkeit, die sich uns, den sich nach praktischem Reichtum sehnenden Armen, stellt, besteht darin, wie wir die W\u00f6rter finden, um deutlich unsere Revolte und unsere Sehnsucht auszudr\u00fccken \u2013 das hei\u00dft W\u00f6rter, um uns gegenseitig zu verstehen. Die Strategie des Feindes ist zweigleisig: einerseits daf\u00fcr zu sorgen, dass die Armen sich von den <i>lebenswichtigen Fragen<\/i> abwenden und stattdessen gegen Windm\u00fchlen ank\u00e4mpfen, und andererseits, wenn sie das dann tun, sie davon abzuhalten, sich zu treffen und ein gemeinsames Verlangen zu entdecken.<\/p>\n<p>Die meisten Erkl\u00e4rungen, die man bez\u00fcglich der Revolte der Gefangenen vernehmen kann, sind ganz einfach falsch, weil sie die juristische Sprache des Staates sprechen. Das Ziel von all diesem Pseudo-Gerede ist es, dass die Armen, in diesem Fall die Gefangenen, nicht einmal mehr die W\u00f6rter finden, um ihre Unzufriedenheit und ihre Revolte auszudr\u00fccken: sie k\u00f6nnen nicht miteinander sprechen, da sie sich nur <i>mit der Sprache ihrer Meister<\/i> ausdr\u00fccken k\u00f6nnen. Es ist das Ziel der Staatspartisanen und der Verteidiger der bestehenden Gesellschaft, dass die Armen nur noch im Stande sind zu reden, wenn sie sich an ihre Meister wenden. Jeder, der die Rechtssprache spricht, spricht mit dem Staat \u2013 ausschlie\u00dflich mit dem Staat \u2013 und zwar nach dessen Muster. Diese L\u00fcge, die es nicht erst seit gestern gibt, soll die Revolte der Armen ein f\u00fcr alle Mal zivilisieren.<\/p>\n<p>Denn man kann ein modernes kapitalistisches Land nicht mit roher Gewalt regieren, indem man an jeder Stra\u00dfenecke Panzer stationiert. Das Gleiche gilt f\u00fcr die Aufrechterhaltung der Ordnung in den Gef\u00e4ngnissen. Ein moderner Staat ist gezwungen, all die formellen Freiheiten zu garantieren, die notwendig sind f\u00fcr den einwandfreien Verlauf der Gesch\u00e4fte. Zwei wichtige kapitalistische L\u00e4nder, Argentinien und Brasilien, haben das voriges Jahr erkannt (das B\u00fcrgertum S\u00fcdafrikas beginnt das auch gerade zu verstehen). Ein kapitalistisches Land kann nicht gedeihen, wenn es auf die Armen feuert, sobald diese sich in Bewegung setzen: damit sie sich mit ihrer Arbeit am Reichtum der Gesellschaft beteiligen, muss es ihnen die Sprache der Staatsr\u00e4son aufdr\u00e4ngen und ihre K\u00f6pfe mit universellen und abstrakten Konzepten aus der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft f\u00fcllen. Sie m\u00fcssen sich mit dem Allgemeinwohl dieser Gesellschaft identifizieren, und es war gerade der historische Kraftakt des B\u00fcrgertums, dem dieses Meisterst\u00fcck gelungen ist.<\/p>\n<p>Jeder moderne Staat muss notwendigerweise diese armen Wilden zivilisieren, einschlie\u00dflich jener, die von der Gesellschaft in den Gef\u00e4ngnissen isoliert wurden. An dieser Front tobt also die Schlacht der Ideen. Die Staatspartisanen wissen, dass sie die Revolte der H\u00e4ftlinge nicht mit roher Gewalt \u2013 welcher sie sich zu Beginn allerdings mit den entsprechenden Risiken bedienen m\u00fcssen \u2013 niederschlagen werden, sondern mit dem Pseudo-Dialog, mit der L\u00fcge. Wir hingegen m\u00fcssen die angeblichen Rechtsfragen in soziale Fragen verwandeln, und die Operation, welche die modernsten Staatspartisanen im Moment durchzuf\u00fchren versuchen, vereiteln.<\/p>\n<p>Wie k\u00fcrzlich ein Ex-H\u00e4ftling bez\u00fcglich der Gef\u00e4ngnisverwaltung gesagt hat, \u201eversuchen sie immer, dich an deiner Strafe teilhaben zu lassen; das ist ihr Dialog, alles andere ist unm\u00f6glich\u201c. Es gibt sogar Menschen, die sich darin spezialisiert haben; die Sozialarbeiter. Die sogenannte \u201eSozialarbeit\u201c hat ihren Ursprung in den Praktiken der Kirche. Historisch ist sie aus dem Austausch von Almosen gegen das Bu\u00dfsakrament hervorgegangen. Die Sozialarbeiter sind laizistische Pfaffen, die im Namen des Staates predigen. Das Justiz- und Gef\u00e4ngnissystem dominierende Gedankengut geht in dieselbe Richtung. Sie tr\u00e4umen sogar davon, dem Status des W\u00e4rters neuen Glanz zu verleihen, indem man ihm die Attribute des Erziehers zukommen l\u00e4sst. Fr\u00fcher war die dem Gefangenen auferlegte Bu\u00dfe ohne Umschweife, physisch und sehr brutal (man braucht nur die grausamen Berichte von \u00dcberlebenden aus der Strafkolonie zu lesen); heute gibt sie sich moralischer, fast schon spirituell, zugleich aber beh\u00e4lt sie die Grundlagen der Gefangenschaft und die damit implizierte Gewalt bei (es sterben viele Menschen in den franz\u00f6sischen Gef\u00e4ngnissen). Die Repression \u00fcbernimmt einen moralischen Inhalt und sogar Rechtfertigungen. Auch will sie in die K\u00f6pfe eindringen und verhindern, dass die Revolte, die nunmehr chronisch ist in den Gef\u00e4ngnissen, ihre W\u00f6rter finden kann.<\/p>\n<p>Die aktuellen Verantwortlichen der Repression versuchen, einen endlosen Pseudo-Dialog zu provozieren und aufrechtzuerhalten \u00fcber die vielf\u00e4ltigen Verbesserungen, welche in das Gef\u00e4ngnissystem eingef\u00fchrt werden k\u00f6nnten, und rechtfertigen somit dessen Existenz. Dabei handelt es sich um eine Hintert\u00fcr, um die H\u00e4ftlinge von der Richtigkeit ihrer Strafe zu \u00fcberzeugen. Der Staat meint bessere Chancen zu haben dies zu erreichen, wenn er der Repression den Pseudo-Dialog hinzuf\u00fcgt, da die blo\u00dfe physische Gewalt nicht ausreichen wird.<\/p>\n<p>Indem sie das Konzept <i>der Strafe<\/i> an sich verweigern, stehen die Delinquenten offen zu dem, was sie in der Gesellschaft sind. Die H\u00e4ftlinge wissen ganz genau, dass das Strafgesetzbuch abh\u00e4ngig ist von der Zeit und jenem Staat entspricht, welcher zur aktuellen Gesellschaft geh\u00f6rt: das Gleiche gilt f\u00fcr das Strafverfahren.<\/p>\n<p>Das reformistische Bewusstsein \u00e4u\u00dfert sich immer in der Form der Rechtfertigung. Im Gegensatz dazu erscheint das Verhalten der Meuterer als nicht gerechtfertigt (wie die Zerst\u00f6rungen in Fleury am 5. Mai), genauso wie ihre einzig eingestandene Begr\u00fcndung (\u201eLuft!\u201c): so etwas ist nicht verhandelbar mit dem Staat. Die H\u00e4ftlinge setzen sich zur Wehr gegen das Urteil, dem sie ausgesetzt sind: das Gef\u00e4ngnis wird nicht mehr als ein unabwendbares Schicksal wahrgenommen.\u00b9<a href=\"https:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/98573#sdfootnote1sym\" rel=\"nofollow\" name=\"sdfootnote1anc\"><\/a> Die linken Erzieher, die versuchen, die Delinquenten zu rechtfertigen und Ausreden zu finden f\u00fcr ihre Delikte, bringen uns gerade noch so zum Lachen. Man muss sich bereits als Angeklagter im B\u00fcro vom Richter rechtfertigen (zudem kann man leicht den \u00dcberblick verlieren, wenn man sich allzu sehr rechtfertigen will: dasselbe passiert auch in Polizeigewahrsam). Man stelle sich vor, dass man sich auch als H\u00e4ftling noch rechtfertigen m\u00fcsse! Die Meuterer aber wissen, dass sie aus der Sicht derjenigen, die sie verurteilen, keinen redlichen Grund haben. Gegen\u00fcber dem Staat ist das Schweigen wirklich die Waffe der Armen.<\/p>\n<p>Es sitzen die verschiedensten Menschen im Gef\u00e4ngnis. Haupts\u00e4chlich handelt es sich bei den H\u00e4ftlingen allerdings um Delinquenten, die die Gesellschaft entschieden hat zu isolieren. Der Ausdruck der Delinquenz soll keine Verwirrung stiften. Sein chronischer Gebrauch ist in einer gewissen Epoche aufgekommen, um eine Gesamtheit an Verhalten zu benennen, die die kurzzeitige Aufl\u00f6sung der gesellschaftlichen Barrieren und die Verachtung des Gesetztes sowie fremden Eigentums gemein haben. Mit diesem Begriff identifiziert die Zivilgesellschaft den Jugendlichen, der samstagabends auf den Ball geht, um sich zu pr\u00fcgeln, die Hausfrau, die im Supermarkt stiehlt, den Knaben, der Raub\u00fcberf\u00e4lle begeht, den Arbeiter, der Material aus der Fabrik stiehlt, oder all diejenigen, f\u00fcr die der Diebstahl die einzige M\u00f6glichkeit zum \u00dcberleben darstellt, also Arme jeglicher Sorte, die in unterschiedlichem Ma\u00df nicht mehr komplett integriert werden k\u00f6nnen. Es ist eine Epoche, wo die Arbeit und das Gesetz vielen Armen nicht mehr als heilig erscheinen.<\/p>\n<p>\u201eD\u00e9linquer [eine deutsche \u00dcbersetzung von diesem franz\u00f6sischen Verb existiert nicht]: 1429, aus dem Lateinischen delinquere, verfehlen, sich vergehen, von linquere, verlassen. Delinquent, 14. Jahrhundert, aus dem [franz\u00f6sischen] Partizip Pr\u00e4sens d\u00e9linquens. Delinquenz, 20. Jahrhundert.\u201c (Larousse Etymologique)<\/p>\n<p>Falls das Individuum Rechte hat, dann nur weil es auch Pflichten hat. Wenn es diese nicht erf\u00fcllt, kann es nicht ernsthaft die Aus\u00fcbung seiner Rechte in der Gesellschaft und gegen\u00fcber dem Staat einfordern. Au\u00dfer wenn es bereit w\u00e4re, sich zu bessern, seine Schuld abzub\u00fc\u00dfen (besonders indem es im Strafvollzug f\u00fcr wenig Geld arbeitet) und wenn es den n\u00f6tigen Willen f\u00fcr eine Wiedereingliederung unter Beweis stellt (siehe den bedingten Straferlass und die \u00fcberwachte Freiheit: man urteilt ein zweites Mal \u00fcber das Individuum, diesmal \u00fcber seine tats\u00e4chlichen Willen, sich wieder einzugliedern). Wenn der H\u00e4ftling an seiner Wiedereingliederung arbeitet, so kann er hoffen, von einem Teil der Ungnade verschont zu werden: er beh\u00e4lt einige wirksame Rechte bei. Der Staat hat nach den ersten Meutereien von 1971 und 1974 sehr schnell verstanden, dass man das Individuum besser nicht komplett von der Zivilgesellschaft isolieren sollte. Im vorliegenden Fall verpflichtet er den Verurteilten, f\u00fcr das Recht zu k\u00e4mpfen, um erneut wieder in ihr aufgenommen zu werden. Und das ist nicht die kleinste Scheu\u00dflichkeit!<\/p>\n<p>Auf jeden Fall hat die Zivilgesellschaft bereits Eintritt gefunden ins Innere der Mauern; (oft) arbeiten die H\u00e4ftlinge. Sie findet Eintritt gem\u00e4\u00df den speziellen Modalit\u00e4ten, die den sozial unw\u00fcrdigen Individuen vorbehalten sind. Da die H\u00e4ftlinge sich au\u00dferhalb der Integrationsmechanismen der Gesellschaft befinden, kann sich die Ausbeutungsquote ihrer Arbeit als au\u00dfergew\u00f6hnlich hoch und ihr Lohn als au\u00dfergew\u00f6hnlich niedrig erweisen.<\/p>\n<p>Es gibt alle m\u00f6glichen Menschen, die behaupten, sich f\u00fcr die Revolte der H\u00e4ftlinge zu interessieren. Viele davon sind Reformisten, die fordern, dass die Gesellschaft den Gefangenen die Aus\u00fcbung ihrer Rechte anerkannt. Aber was sind das f\u00fcr Rechte? Das Recht der Verteidigung? Dieses gilt nur f\u00fcr die Sache, \u00fcber die geurteilt wird, nicht f\u00fcr die Vollstreckung der Strafe: das Gef\u00e4ngnis ist ein geschlossenes Universum, wo es keinen Platz geben kann f\u00fcr eine \u201ewiderspr\u00fcchliche Debatte\u201c. Die Menschen- und die B\u00fcrgerrechte?<\/p>\n<p>Die Menschenrechte sind nichts als Vorrechte und anerkannte Garantien f\u00fcr das atomisierte Individuum in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, in der es nur Platz f\u00fcr zwei Sorten von Leuten gibt: f\u00fcr diejenigen, die Geld verdienen und diejenigen, die arbeiten. Wie k\u00f6nnten wir, wir die diese Gesellschaft nicht bereichern, sondern \u2013 ganz im Gegenteil \u2013 ihr Geld kosten, wie k\u00f6nnten wir auch nur daran denken, von diesen Vorrechten und Garantien zu profitieren? Mit welcher sozialen Aktivit\u00e4t k\u00f6nnten wir uns r\u00fchmen?<\/p>\n<p>Den B\u00fcrgerrechten? Der B\u00fcrger ist das politische Individuum, das hei\u00dft ein abstraktes Individuum. Der H\u00e4ftling ist kein B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Es gibt einerseits das tats\u00e4chliche Mitglied der bourgeoisen Zivilgesellschaft, das isolierte und engstirnige Individuum, das von ihr als die Essenz des Menschen angesehen wird, und andererseits die moralische Person, den B\u00fcrger. Es ist wichtig, die moralische Person (den Angeklagten, den Verurteilten) von dem realen Individuum (dem H\u00e4ftling) zu unterscheiden. Letzteres ist das Individuum, das es als Mitglied der Gesellschaft vers\u00e4umt hat, seine Pflichten gegen\u00fcber den demokratisch festgemachten Regeln zu erf\u00fcllen; und die moralische Person ist der Angeklagte, dem man w\u00fcrdevoll das Recht auf Verteidigung einr\u00e4umt. Der Angeklagte ist ein B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Dem Verurteilten bleibt nichts anderes \u00fcbrig, als sein Schicksal innerhalb der Mauern zu akzeptieren. Er kann seine Rechte dann nicht mehr geltend machen, da er nicht durch irgendeine Arbeit zum Reichtum der Gesellschaft beitr\u00e4gt (abgesehen von der Arbeit, die er wegen der Misere oder aufgrund der Vorschriften gezwungenerma\u00dfen verrichten muss). Der Staat handelt logisch, wenn er die M\u00f6glichkeit ablehnt, Gefangenengewerkschaften zu erlauben. Er l\u00e4sst dem H\u00e4ftling nur einen Weg offen: seinen Leidensweg beschreiten, durchhalten und seine Strafe, den Schmerz und die Erniedrigung in aller Stille akzeptieren \u2013 und sich durch die Gef\u00e4ngnisarbeit komplett zu bessern. Die Justiz und die Gef\u00e4ngnisinstitution \u2013 laizistisch in der Theorie, religi\u00f6s in der Praxis \u2013 sind Abbilder des B\u00fcrgertums. Bei der Wiedereingliederung handelt es sich um diesen stillschweigenden Leidensweg, bei dem der H\u00e4ftling w\u00e4hrend der ganzen Zeit nichts zu sagen hat, seine Stimme nicht erheben darf, sich nicht beschweren und schon gar nicht protestieren darf. Dieses christliche Ideal wird immer noch von vielen Leuten im Gef\u00e4ngnis verinnerlicht.<\/p>\n<p>Schlimmer als alles, was man im Knast erleben muss, ist dieses Gef\u00fchl der v\u00f6lligen Abh\u00e4ngigkeit gegen\u00fcber den Regeln, die selbstverst\u00e4ndlich da sind, um das Individuum zu b\u00e4ndigen. Das Gef\u00e4ngnis hat einen Aspekt der \u201eUm-erziehung\u201c, ist gleichzeitig Schule und Kaserne (sehr deutlich in Gro\u00dfbritannien zum Beispiel, und noch deutlicher in den ber\u00fcchtigten Lager einiger stalinistischer L\u00e4nder). Die Willk\u00fcr der W\u00e4rter ist nichts weiter als eine Zurschaustellung der Autorit\u00e4t der Vorschriften. Der Staat will jene Individuen <i>komplett in den Griff bekommen<\/i>, gegen welche die Kontrolle der Zivilgesellschaft in einem bestimmten Moment nicht ausgereicht hat: und somit muss er ihnen die Regeln <i>mit Gewalt<\/i> aufzwingen. Hierin gleicht das Gef\u00e4ngnis der Kaserne, wo man das Individuum dazu bringt, sich den wichtigsten Regeln der Gesellschaft zu beugen, dem Gehorsam und der Disziplin. Der Status des Soldaten und der des Gefangenen haben folgendes gemeinsam: es handelt sich um ein Individuum, dessen Schicksal <i>komplett<\/i> vom Staat <i>abh\u00e4ngt<\/i>. Das geht soweit, dass man die Schikanen der Hierarchie ohne Murren erdulden muss. Trotz all der Verg\u00fcnstigungen und Kompromisse, die die Gef\u00e4ngnisverwaltung zugestehen k\u00f6nnte \u2013 und wir wissen, dass sie eher geizig ist in dieser Hinsicht \u2013, wird es immer diese spontane Rebellion des H\u00e4ftlings gegen\u00fcber den Vorschriften geben.<\/p>\n<p>Der Beschuldigte hingegen war noch nicht das Objekt der moralischen Verurteilung: man h\u00e4lt ihn g\u00e4nzlich f\u00fcr den Staat, an einem sicheren Ort, zur Verf\u00fcgung. Wir k\u00f6nnen nicht oft genug wiederholen, wie sehr die Lage eines Untersuchungsh\u00e4ftlings der einer Geisel \u00e4hnelt. \u00dcbrigens k\u00f6nnen wir anmerken, dass Gro\u00dfbritannien \u2013 welches die franz\u00f6sischen Reformisten ganz scharf gemacht hat mit seinem \u201ehabeas corpus\u201c \u2013 1980 die Untersuchungshaft in sein Strafverfahren eingef\u00fchrt hat, also zu einem Zeitpunkt, wo der soziale Krieg einige Fortschritte gemacht hat.<\/p>\n<p>Nebenbei k\u00f6nnen wir darauf hinweisen, dass das Gef\u00e4ngnis, obgleich die linken Humanisten etwas anderes behaupten, f\u00fcr immer ein Ort der ultimativen Erniedrigung bleiben wird: als Beweis k\u00f6nnen wir die aktuellen Regierungsma\u00dfnahmen anf\u00fchren, welche darauf abzielen, den kleinen Delinquenten vor dem Gef\u00e4ngnis zu schonen, denjenigen, der sich noch nicht komplett von der Gesellschaft ausgeschlossen hat, der blo\u00df ein harmloses Delikt begangen hat und von dem man erwarten kann, dass er sich mithilfe seiner Arbeit wieder in das Sozialsystem eingliedern wird. Dann liegt es an ihm, dies unter Beweis zu stellen, indem er X Stunden eine \u201egemeinn\u00fctzige\u201c Arbeit verrichtet.<\/p>\n<p>Der Staat wird immer einzelne Verbesserungen im t\u00e4glichen Leben des H\u00e4ftlings zugestehen k\u00f6nnen, doch er wird ihm niemals auch nur das kleinste St\u00fcckchen W\u00fcrde eingestehen k\u00f6nnen. Die Gef\u00e4ngnisdisziplin wird immer das letzte Wort haben. Die Forderung, dem H\u00e4ftling die gleichen Rechte einzur\u00e4umen wie dem Angeklagten (zum Beispiel das Recht, dass man im Gerichtssaal von seinem Anwalt unterst\u00fctzt wird), hat gar keine Chance erf\u00fcllt zu werden, weil der H\u00e4ftling im Gegensatz zum Angeklagten keine juristische Person ist. Der H\u00e4ftling ist ein reales Individuum, der Gesellschaft nicht w\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Die Reformisten verlangen, dass man dem H\u00e4ftling die soziale W\u00fcrde zugesteht, anders ausgedr\u00fcckt, die Menschenrechte. Aber woraus besteht diese W\u00fcrde? Es ist die W\u00fcrde, die die b\u00fcrgerliche Demokratie dem Arbeiter zuspricht. Nat\u00fcrlich sind die H\u00e4ftlinge manchmal Arbeiter, sehr schlecht bezahlte Arbeiter. Es ist die Gef\u00e4ngnisverwaltung, die sich darum k\u00fcmmert, ihre Arbeitskraft an verschiedene Arbeitgeber zu verkaufen, und es ist auch die Gef\u00e4ngnisverwaltung, die dabei das Geld einsteckt: schlie\u00dflich ist der H\u00e4ftling ihnen eine Belastung und kostet Geld. W\u00fcrde man dem H\u00e4ftling einen normalen Lohn gew\u00e4hren, dann w\u00fcrde der gr\u00f6\u00dfte Teil f\u00fcr seine Unterhaltungskosten (die die Gef\u00e4ngnisverwaltung einbeh\u00e4lt), seine Anwaltskosten und seine Geldstrafen draufgehen, und zus\u00e4tzlich w\u00fcrde er damit noch die Opfer seiner Straftaten entsch\u00e4digen!<\/p>\n<p>Inwiefern haben die Armen in der Zivilgesellschaft b\u00fcrgerliche und politische Rechte? In der Form des Zwangs. Die Zivilgesellschaft bestimmt das gesamte \u201eSystem der Bed\u00fcrfnisse und der Arbeiten\u201c. Die Armen beteiligen sich nur, <i>weil sie Geld gewinnen f\u00fcr andere<\/i>, denen sie gezwungenerma\u00dfen die Ausbeutung ihrer Arbeit zugestehen. Das wahre Bed\u00fcrfnis, welches das Sozialsystem kreiert und reproduziert, ist das Bed\u00fcrfnis nach Geld. Die Armen erleben dies unter der einzigartigen Form des Mangels, und infolgedessen in Form der Notwendigkeit. Nur die B\u00fcrgerlichen haben eine positive Beziehung mit dieser Essenz der Gesellschaft. Gewiss, die b\u00fcrgerliche Demokratie proklamiert, dass jeder frei ist Geld zu gewinnen. Sie gesteht jedem das Recht zu Gesch\u00e4fte abzuwickeln. Jedes Individuum kann somit Fu\u00df fassen in der Welt \u2013 es existiert blo\u00df eine Welt, die der Gesch\u00e4fte. Und die moderne b\u00fcrgerliche Gesellschaft, so wie es sie in Europa, in den Vereinigten Staaten und in Japan gibt, erm\u00f6glicht vielen Armen, den Glauben daran aufrecht zu halten, dass sie Geld gewinnen. Der Zwang, der auf den Lohnarbeiter ausge\u00fcbt wird, und die Notwendigkeit, die all seine Bed\u00fcrfnisse innerhalb der gleichen Grenze festlegt, verflechten sich somit in die Sprache der Gesellschaft. Die brutale Herrschaft der Notwendigkeit verwandelt sich auf r\u00e4tselhafte Weise in ihr Gegenteil, und so kommt es, dass es motivierte Arbeiter gibt, zufriedene Konsumenten, verantwortliche W\u00e4hler und sogar Knastbr\u00fcder, die ihre Schuld gegen\u00fcber der Gesellschaft wieder gutmachen&#8230;<\/p>\n<p>Die Notwendigkeit des Geldes herrscht mittels einer Vielzahl an Rechtsverh\u00e4ltnissen, die sich selbstverst\u00e4ndlich durch Erzwingung aufrechterhalten. Und jede Form der Unzufriedenheit stellt, indem sie ausgedr\u00fcckt wird, eine Verletzung dieser Verh\u00e4ltnisse dar, auf welche die Gesellschaft mit dem extremsten Zwang antwortet, dem Gef\u00e4ngnis. Diejenigen, die niemals arbeiten, sind Ausgesto\u00dfene.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich zur Isolation, die bereits das atomisierte Individuum in der Zivilgesellschaft charakterisiert, kommt dann noch die Gef\u00e4ngnisisolation hinzu. Der eingesperrte Delinquent ist das Objekt einer wahren sozialen Verfluchung, die sich auch in der relativen Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber den Meutereien \u00e4u\u00dfert. Wenn nur all jene, die bereits mit dem Gef\u00e4ngnis zu tun hatten, oder jene, die Verwandte dort haben, die Meutereien unterst\u00fctzen w\u00fcrden, indem sie die Bullen aus einem Hinterhalt angreifen (so wie das im Mai 1985 in Rouen und in Montpellier versucht wurde)&#8230; All diese Menschen sind sich nicht bewusst, dass sie eine soziale Gefahr bilden: und manchmal reicht es aus, sich dessen bewusst zu werden, um wirklich eine zu werden. Der Staat behandelt all die Delinquenten wie eine soziale Gefahr, aber er zerst\u00f6rt sie <i>einer nach dem anderen<\/i>. Das Recht kennt nur das einzelne Individuum, das als eine Abstraktion gegen\u00fcber der Gesellschaft angesehen wird. Es ist aufgrund dessen, was er konkret in der Gesellschaft darstellt, dass ein Armer verurteilt wird.<\/p>\n<p>Obwohl der Delinquent als isoliertes Individuum verurteilt wird, revoltieren die Gefangenen doch als kollektives Subjekt. Nachdem man sich erst innerhalb der Mauern befindet, ist es wahrlich unwichtig, wieso man sich dort befindet: man ist zusammen, alle in der gleichen Schei\u00dfe und gleich behandelt. <i>Die H\u00e4ftlinge revoltieren gegen ein gemeinsames Schicksal.<\/i><\/p>\n<p>Was auch immer die speziellen Ursachen der Meutereien sein m\u00f6gen, so werden sie doch nie ein Ende finden durch irgendeine Reform oder kleine Verbesserung, weil man im Gef\u00e4ngnis dauernd f\u00fcr irgendwelche Kleinigkeiten betteln muss, die drau\u00dfen absolut \u00fcblich sind. In einer derma\u00dfen verzweifelnden Umgebung wird solch einer Kleinigkeit eine gro\u00dfe Bedeutung beigemessen und dies kann eine Gelegenheit bieten f\u00fcr eine Revolte: an Gelegenheiten wird es niemals fehlen. Es mag zwar vorkommen, dass die Gef\u00e4ngnisverwaltung mithilfe einer Repression und anschlie\u00dfenden Ver\u00e4nderungen kurz f\u00fcr Ruhe sorgen kann; doch deren Kurzlebigkeit ist schon vorbestimmt.<\/p>\n<p>Diese soziale Kritik des Rechts konnte nur aus dem Inneren der Gef\u00e4ngnisse kommen, denn wenn die Justiz die Individuen einen nach dem anderen verurteilt und das einzelne Schicksal dabei eine Privatangelegenheit bleibt, dann sperrt es sie <i>gemeinsam<\/i> ein. Genau hier entstehen die Bedingungen einer Revolte, die sich gegen die Autorit\u00e4t der Gef\u00e4ngnisverwaltung und die Konditionen des Eingesperrtseins wendet, und allgemeiner gegen ein Sozialsystem, das sich auf das Gef\u00e4ngnis st\u00fctzt. Von hier aus kann, indem man sich auf die kollektive Revolte bezieht, drau\u00dfen eine Bewegung entstehen, die sich nicht nur in diesem menschlichen Protest wiedererkennt, sondern auch ihre Auswirkungen vergr\u00f6\u00dfert: etwas, das nicht in einer unilateralen Opposition zu den Konsequenzen steht, sondern das sich in einem offenen Konflikt befindet mit den Voraussetzungen des Staates.<\/p>\n<p>Arbeiter k\u00f6nnen f\u00fcr Lohnerh\u00f6hungen k\u00e4mpfen. Ebenso k\u00f6nnen aufs\u00e4ssige H\u00e4ftlinge mithilfe ihrer Aktion Strafverminderungen erreichen. Die Gefangenen k\u00e4mpfen nicht f\u00fcr eine allgemeine Reform der Gef\u00e4ngnisbedingungen, genauso wenig wie streikende Arbeiter sich um eine Arbeitsreform bem\u00fchen: sie \u00fcberlassen derartige Sorgen den b\u00fcrokratischen Gewerkschaftlern (und einer der bedeutsamen Aspekte der Revolte vom Mai war die quasi unmittelbare Flucht der ASPF\u00b2<a href=\"https:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/98573#sdfootnote2sym\" rel=\"nofollow\" name=\"sdfootnote2anc\"><\/a>: dass sie sich einer niedertr\u00e4chtigen Radiosendung hingegeben hat, ist nicht verwunderlich, aber dass sie gleich danach von den H\u00e4ftlingen aus Fleury angeprangert wurde, zeugt von der Deutlichkeit der Ereignisse). Das Einzige, was die H\u00e4ftlinge innerhalb der Grenzen des bestehenden Systems in W\u00fcrde verlangen k\u00f6nnen, ist ein wenig Luft. Reformen wird es ohnehin geben \u2013 und zwar immer, um das entfachte Feuer zu bes\u00e4nftigen. Die erreichten Ab\u00e4nderungen des Haftregimes waren immer verbunden mit einem Kr\u00e4ftemessen mit dem Staat. Die H\u00e4ftlinge wissen auch durch Erfahrung, dass diese Vorteile, die mithilfe der schlimmsten Drohungen errungen wurden, sich sehr schnell in eine weitere Schandtat verwandeln, sobald wieder Ruhe eingekehrt ist.<\/p>\n<p>Die Revolte der Gefangenen ist immer eine universale Drohung, da diese Individuen im Namen des Allgemeinwohls der Gesellschaft eingesperrt sind. Deshalb entsteht auch immer ein wichtiges politisches Ereignis daraus: jede Welle von Meutereien erzeugt irgendein Projekt, das sich die Reformierung der Gesetze zum Ziel gesetzt hat.<\/p>\n<p>Die Linke hatte versprochen, das gesamte Gef\u00e4ngnisregime zu ver\u00e4ndern, und hat schlussendlich nicht einmal den Versuch gewagt. Sobald sie an der Macht war, hat sie schnell verstanden, dass das ein Spiel mit dem Feuer bedeuten w\u00fcrde. Es existieren keine m\u00f6glichen Ver\u00e4nderungen des Haftregimes, au\u00dfer die, den Eingesperrten Luft zu verschaffen. Die Linke wei\u00df sehr wohl, dass die geringste \u00d6ffnung endlose Unruhen mit sich bringen k\u00f6nnte. Inzwischen ist das Gef\u00e4ngnis eine Sache, mit der jede Regierung sich ganz sicher Scherereien einhandeln wird. Sie wird sich die Finger schmutzig machen, ganz gleich, wie sie es anstellt.<\/p>\n<p>Das Konzept des Allgemeinwohls ist das Herz des Rechtssystems, das die Meuterer angreifen. Der Staat und seine Partisanen beziehen sich unaufh\u00f6rlich darauf, <i>im Gegensatz zu dem latenten Kriegszustand<\/i>, der in der wirklichen Gesellschaft w\u00fctet. Sie erzeugen eine derma\u00dfen stark ausgebildete Identifizierung der Menschen mit diesem angeblichen Allgemeinwohl, dass im Frankreich von 1985 jede Trennlinie zwischen den Armen und der Zivilgesellschaft aufgehoben zu sein scheint; dass die Delinquenz immer mehr Opfer in den eigenen Reihen der Armen verursacht. Auf der einen Seite verwandeln sich die Orte, an denen das Geld und die Waren im \u00dcberfluss vorhanden sind, immer mehr in uneinnehmbare Festungen, auf der anderen Seite werden die Bedingungen, die man den Arbeitenden aufzwingt, immer unertr\u00e4glicher. Dies f\u00fchrt zu deutlich h\u00e4rteren Bedingungen f\u00fcr diejenigen der Armen, die nicht arbeiten, indem es die Isolation jedes Einzelnen auf seiner Suche nach Geld noch verst\u00e4rkt (und die Verbreitung von Heroin bei den Jugendlichen verschlimmert diesen Prozess noch mehr). Der Staat und das B\u00fcrgertum errichten ein System milit\u00e4rischer Verteidigung des Privateigentums, der Zirkulation des Geldes und der Waren, und l\u00f6sen gleichzeitig den Krieg aller gegen alle aus, den erbarmungslosesten Konflikt des Eigeninteresses. Die Autorit\u00e4t des Staates erkennt ihr Fundament in der <i>konfusen Feindseligkeit<\/i> wieder, die in der ganzen Gesellschaft herrscht.<\/p>\n<p>Aus diesem Blickwinkel erscheint die Revolte der Gefangenen als eine M\u00f6glichkeit, diese Lage zu \u00fcberwinden. Der Protest gegen die Justiz und gegen das Gef\u00e4ngnis kristallisiert das Allgemeinwohl von all den Armen heraus, die abh\u00e4ngig sind von den Notwendigkeiten und die auf verschiedenste Weise jene Repression ertragen m\u00fcssen, die im Namen des Allgemeinwohls der bestehenden Gesellschaft ausge\u00fcbt wird.<\/p>\n<p>Die Solidarit\u00e4t mit den Meutereien beruft sich nicht auf Empfindungen und wendet sich auch nicht an eine sogenannte \u00f6ffentliche Meinung. Wir wollten ganz einfach mit denen sprechen, die sich drinnen befinden. Und die Tatsache, dass ihre Revolte stark genug war, um drau\u00dfen eine solche Reaktion hervorzurufen, ist nicht ihr kleinster Verdienst.<\/p>\n<p>Yves Delhoysie<br \/>\n<i>Os Cangaceiros<\/i>, Nr. 2, November 1985<\/p>\n<p>1 So kommt es immer h\u00e4ufiger vor, dass Angeklagte mit einer Haltung der offenen Rebellion gegen\u00fcber dem Gericht auftreten, und den Anspruch der Richter und der Geschworenen, \u00fcber sie zu urteilen, zur\u00fcckweisen. Wir erinnern uns, wie 1984 in Paris zwei Personen, die in separaten F\u00e4llen f\u00fcr \u00dcberf\u00e4lle angeklagt waren, nacheinander, zu Beginn derselben Sitzung des Schwurgerichts, abgelehnt haben, dass der abscheuliche Gerichtspr\u00e4sident Gitesse \u00fcber sie urteilt \u2013 derselbe, der w\u00e4hrend der vorigen Sitzung den Freispruch des nicht weniger abscheulichen Polizisten Evra veranlasste, M\u00f6rder zweier junger Autofahrer. Die Weigerung der Angeklagten hat f\u00fcr eine Verfahrenskrise im Schwurgericht der Region Seine gesorgt. Erst k\u00fcrzlich haben die Br\u00fcder Ghellam einen sch\u00f6nen Skandal provoziert:<\/p>\n<p>\u201eZwei Br\u00fcder, die angeklagt sind, einen \u00dcberfall mit Geiselnahme begangen zu haben, und die am Montag und Dienstag vor dem Schwurgericht von Alpes-Maritimes erscheinen sollten, haben ihre Anw\u00e4lte gleich nach der Er\u00f6ffnung der Gerichtsverhandlung abgelehnt, und somit das Gericht gezwungen, den Prozess auf ein sp\u00e4teres Datum zu verlegen.<\/p>\n<p>Michel Ghellam (26 Jahre) und sein Bruder Roland (37 Jahre), die beschuldigt werden, am 9. Oktober 1980 einen bewaffneten Raub\u00fcberfall auf den Hauptsitz der Post in Antibes begangen zu haben, \u00fcbten scharfe Kritik an der Justiz <i>\u201eder Reichen\u201c<\/i>, ihren eigenen Anw\u00e4lten, <i>\u201edie diese<\/i> <i>verdorbene Justiz zum Leben brauchen, sie aber nicht anprangern\u201c<\/i>, den <i>\u201eBefehle befolgenden\u201c<\/i> Journalisten und den Polizisten, die f\u00fcr ihre \u00dcberwachung verantwortlich sind und <i>\u201enur auf eine Geste ihrerseits warten, um sie abzuknallen wie Kaninchen\u201c<\/i>. (Lib\u00e9ration, 24.9.1985)<\/p>\n<p>Nach einer langen Unterbrechung der Sitzungen hatte das Gericht entschieden, zwangsweise zwei Anw\u00e4lte zu bestimmen und den Prozess f\u00fcr den 7. Oktober anzusetzen. Daraufhin haben sie sich drei Wochen sp\u00e4ter geweigert, am Prozess teilzunehmen. Nat\u00fcrlich kann man sich ein solches Verhalten nur erlauben, wenn man f\u00fcr ein sehr gro\u00dfes Delikt angeklagt ist, oder ein sehr kleines: wenn man sehr viel zu verlieren hat, oder sehr wenig. Im Rahmen einer harmlosen Aff\u00e4re hat eine Gruppe Punks aus Lyon es im Fr\u00fchling 1985 geschafft, die Justiz l\u00e4cherlich zu machen: da einer von ihnen wegen dem Diebstahl von Decken aus einem Schlafwagon der SNCF angeklagt war, haben seine Freunde im Saal ein Flugblatt verteilt mit dem Titel \u201eKeine Gnade f\u00fcr Deckenklauer, hacken wir ihnen die H\u00e4nde ab!\u201c&#8230; Und dem Gerichtspr\u00e4sidenten, der ihm gemeinn\u00fctzige Arbeit vorschlug, hat der Angeklagte seine klare Ablehnung zu verstehen gegeben (schlussendlich hat er 15 Tage auf Bew\u00e4hrung erhalten): dies ist der erste uns bekannte Fall, wo jemand die W\u00fcrde hatte, die gemeinn\u00fctzige Arbeit zu verweigern. Vielleicht handelt es sich bei dieser Gruppe von Punks um dieselben, die die erfreuliche Initiative ergriffen haben, das Plakat \u201eDu fric ou on vous tue\u201c (siehe Os Cangaceiros Nr. 1) in Lyon zu vertonen. Au\u00dferdem k\u00f6nnen wir auch noch an die Bewegung der massiven Forderungen nach vorl\u00e4ufigen Entlassungen erinnern, welche letztes Jahr in Lyon entstanden ist, die Richter in Verlegenheit und Panik versetzt hat und im September 1985 wieder zum Vorschein gekommen ist im Gef\u00e4ngnis von Baumettes in Marseille.<\/p>\n<p>2 Association Syndicale des Prisonniers de France (ASPF): eine am 15. April 1985 im Gef\u00e4ngnis von Fleury-M\u00e9rogis gegr\u00fcndete Gefangenengewerkschaft, die daf\u00fcr eingetreten ist, dass die H\u00e4ftlinge sich zusammenschlie\u00dfen und sich selbst vertreten k\u00f6nnen. Im Dezember 1985 ist sie von der Gef\u00e4ngnisverwaltung zerschlagen worden. Am Ende ihrer kurzen Lebensdauer z\u00e4hlte sie 1700 Mitglieder aus \u00fcber 35 Gef\u00e4ngnissen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Schicksal der H\u00e4ftlinge innerhalb der Mauern ist untrennbar verbunden mit den allgemeineren Bedingungen, die den Massen der Armen heutzutage in der Gesellschaft vorbehalten sind.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":9519,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[462,453],"tags":[37,374,49],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9518"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9518"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9518\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10169,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9518\/revisions\/10169"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9519"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9518"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9518"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9518"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}