{"id":9523,"date":"2013-09-20T21:52:13","date_gmt":"2013-09-20T20:52:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=9523"},"modified":"2014-12-19T20:07:49","modified_gmt":"2014-12-19T19:07:49","slug":"die-industrielle-domestizierung-os-cangaceiros","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/die-industrielle-domestizierung-os-cangaceiros","title":{"rendered":"\u201eDie industrielle Domestizierung\u201c (Os Cangaceiros)"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Os-Cangaceiros-Ein-Verbrechen-namens-Freiheit-cover.jpg\" rel=\"lightbox[9523]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright  wp-image-9519\" title=\"Os Cangaceiros - Ein Verbrechen namens Freiheit\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Os-Cangaceiros-Ein-Verbrechen-namens-Freiheit-cover-186x250.jpg\" alt=\"Os Cangaceiros - Ein Verbrechen namens Freiheit\" width=\"119\" height=\"160\" srcset=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Os-Cangaceiros-Ein-Verbrechen-namens-Freiheit-cover-186x250.jpg 186w, https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Os-Cangaceiros-Ein-Verbrechen-namens-Freiheit-cover.jpg 224w\" sizes=\"(max-width: 119px) 100vw, 119px\" \/><\/a><span class=\"dropcap\">F<\/span>olgender Text ist ein Auszug aus dem Buch <\/em>Os Cangaceiros &#8211; Ein Verbrechen namens Freiheit<em>, Cumbula Velifera &amp; Unruhen Publikationen, Amsterdam, September 2013. Das Buch wird demn\u00e4chst in Buch- und Infol\u00e4den ausliegen und kann \u00fcber <a href=\"mailto:unruhen@hushmail.com\" rel=\"nofollow\">unruhen@hushmail.com<\/a> bezogen werden.<\/em><\/p>\n<p>\u201eWenn sich das Kapital der Wissenschaft bem\u00e4chtigt, wird der aufs\u00e4ssige Arbeiter immer gezwungen sein zu gehorchen.\u201c<br \/>\nAndrew Ure, <em>The Philosophy of Manufactures<\/em>, 1835<\/p>\n<p>\u201eAls fr\u00fcher jemand einen Gesch\u00e4ftsmann als Arbeiter bezeichnete, riskierte dieser eine Schl\u00e4gerei. Wenn man ihnen heute aber erz\u00e4hlt, dass Arbeiter eine wichtige Rolle innerhalb des Staates spielen, bestehen sie alle darauf Arbeiter zu sein.\u201c<br \/>\nM. May, 1848<\/p>\n<p>Der Begriff der industriellen Revolution, der h\u00e4ufig benutzt wird um die Periode von 1750 bis 1850 zu bezeichnen, ist eine reine b\u00fcrgerliche L\u00fcge, \u00e4hnlich die der politischen Revolution. Er beinhaltet nicht das Negative und geht von einer Vision der Geschichte aus, die die technologischen Fortschritte als einzige Geschichte betrachtet. Dies ist ein doppelter Erfolg f\u00fcr den Feind, der so die Existenz von Managern und einer Hierarchie als die unausweichliche Konsequenz der technischen Notwendigkeiten legitimiert, und der eine mechanische Konzeption des Fortschritts vorschreibt, welcher als positives Gesetz und als sozial neutral angesehen wird. Es ist der religi\u00f6se Moment des Materialismus, der Idealismus der Materie. Eine solche L\u00fcge war selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr die Armen bestimmt, bei denen sie bleibende Sch\u00e4den hinterlassen sollte. Um sie zu widerlegen, reicht es aus, sich an die Fakten zu halten. Die Mehrheit der technischen Innovationen, die die Entwicklung der Fabriken erm\u00f6glicht haben, wurde bereits eine gewisse Zeit zuvor entdeckt, blieb bis zu jenem Zeitpunkt aber noch ungenutzt. Ihre gro\u00dfr\u00e4umige Anwendung ist keine mechanische Konsequenz, sondern hat ihren Ursprung in einer historisch datierten Entscheidung der herrschenden Klassen. Diese Entscheidung beruhte nicht so sehr auf den Sorgen der reinen technischen Effizienz (eine oft sehr fragw\u00fcrdige Effizienz), sondern vielmehr auf einer Strategie der <em>sozialen Domestizierung<\/em>. Die industrielle Pseudo-Revolution l\u00e4uft somit auf ein Unternehmen der sozialen Konter-Revolution hinaus. Es gibt nur einen einzigen Fortschritt: den Fortschritt der Entfremdung.<\/p>\n<p>In dem davor bestehenden System genossen die Armen noch eine gro\u00dfe Unabh\u00e4ngigkeit w\u00e4hrend der Arbeit, die sie gezwungen waren zu verrichten. Die vorherrschende Form war die heimische Werkstatt: die Kapitalisten liehen den Arbeitern Werkzeuge, versorgten sie mit Rohstoffen, und kauften ihnen die Fertigprodukte am Ende wieder f\u00fcr sch\u00e4ndliche Preise ab. Die Ausbeutung war f\u00fcr die Arbeiter blo\u00df ein <em>Moment des Gesch\u00e4fts<\/em>, \u00fcber den sie keine direkte Kontrolle aus\u00fcbten. Die Armen konnten ihre Arbeit noch als eine \u201eKunst\u201c bezeichnen, bei welcher sie einen betr\u00e4chtlichen Spielraum an Entscheidungen besa\u00dfen. Vor allem aber blieben sie Herr \u00fcber die Nutzung ihrer Zeit: ihre Arbeitszeit entzog sich jeder Berechnung, da sie zu Hause arbeiteten und aufh\u00f6rten, wenn sie es f\u00fcr angebracht hielten. Ihre Arbeit war charakterisiert durch Abwechslung und Unregelm\u00e4\u00dfigkeit, da die heimische Werkstatt in den meisten F\u00e4llen blo\u00df eine Erg\u00e4nzung zu den landwirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten war. Daraus ergaben sich Fluktuationen der industriellen Aktivit\u00e4t, die nicht mit dem harmonischen Aufstieg des Handels vereinbar waren. Die Armen besa\u00dfen somit noch eine betr\u00e4chtliche Macht, die sie fortw\u00e4hrend anwendeten. Die Praxis der Veruntreuung von Rohstoffen war an der Tagesordnung und versorgte einen ausgedehnten parallelen Markt. Vor allem konnten diejenigen, die zu Hause arbeiteten, Druck auf ihre Arbeitgeber aus\u00fcben: die h\u00e4ufigen Zerst\u00f6rungen von Webst\u00fchlen waren eine Methode der \u201eKollektivverhandlung durch Aufruhr\u201c (Hobsbawm). Geld her oder wir schlagen alles kurz und klein!<\/p>\n<p>Das B\u00fcrgertum war gezwungen, <em>den Arbeitsbereich gezielt zu kontrollieren<\/em>, falls es diese bedrohende Unabh\u00e4ngigkeit der Arbeiter ausradieren wollte. Dies war der Grund f\u00fcr die allgemeine Verbreitung der Fabriken. Es ging darum, <em>den Arbeitsbereich zu autonomisieren<\/em>, zeitlich und geographisch. \u201eEs sind nicht so sehr die absolut M\u00fc\u00dfigen, die die Allgemeinheit st\u00f6ren, sondern diejenigen, die nur die H\u00e4lfte ihrer Zeit arbeiten\u201c, schrieb schon Ashton 1725. Das Wesen des Milit\u00e4rs wurde auf die Industrie angewendet, und die Fabriken wurden wortw\u00f6rtlich nach dem Modell der Gef\u00e4ngnisse gebaut, welche zudem deren Zeitgenossen waren. Eine gigantische Umfassungsmauer trennte sie von allem, was nicht zur Arbeit geh\u00f6rte, und es wurden Wachen eingestellt, um diejenigen zur\u00fcckzuhalten, die es anfangs f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich hielten, ihre ungl\u00fcckseligen Freunde besuchen zu gehen. Im Inneren hatten drakonische Regeln den eigentlichen Zweck, die Sklaven zu domestizieren. Ein Schriftsteller hatte 1770 einen neuen Plan vorgef\u00fchrt um Arme hervorzubringen: das Haus des Schreckens, in dem die Bewohner t\u00e4glich vierzehn Stunden festgehalten werden und mithilfe einer Hungerdi\u00e4t an der Leine gehalten werden. Seine Idee war der Realit\u00e4t nur kurz vorausgegangen: eine Generation sp\u00e4ter hat man das Haus des Schreckens ganz einfach Fabrik genannt.<\/p>\n<p>Es war in England, wo die Fabriken sich zuerst ausbreiteten. In diesem Land hatten die herrschenden Klassen ihre internen Konflikte schon seit langem \u00fcberwunden und sie konnten sich deshalb ungebremst der Leidenschaft des Handels hingeben. Die Repression, die auf die Niederlage des millenaristischen Angriffs der Armen\u00b9 folgte, hatte den Weg f\u00fcr die industrielle Gegenoffensive geebnet. Die Armen in England hatten also das traurige Schicksal, dass sie als erste die ganze Brutalit\u00e4t eines sich entwickelnden sozialen Mechanismus zu sp\u00fcren bekamen. Es ist selbstredend, dass sie ein solches Schicksal als eine absolute Erniedrigung betrachteten, und diejenigen, die dieses Schicksal akzeptierten, mussten mit der Verachtung ihrer Mitmenschen rechnen. Bereits zu Zeiten der Levellers war es \u00fcblich anzunehmen, dass diejenigen, die ihre Arbeitskraft gegen einen Lohn verkauften, in der Tat die Rechte der \u201efrei geborenen Engl\u00e4nder\u201c aufgaben. Schon bevor \u00fcberhaupt mit der Produktion begonnen werden konnte, hatten die ersten Fabrikbesitzer gro\u00dfe Probleme, Arbeitskr\u00e4fte zu rekrutieren und sie mussten hierf\u00fcr oft weite Strecken zur\u00fccklegen. Danach mussten sie die Arbeiter an ihrer neuen Arbeit festhalten, denn Desertionen gab es en masse. Aus diesem Grund k\u00fcmmerten sich die Fabrikbesitzer auch um die Unterk\u00fcnfte ihrer Sklaven, als Vorzimmer zur Fabrik. Die Bildung dieses gro\u00dfen industriellen Reserveheers zog eine Militarisierung der Gesamtheit des sozialen Lebens mit sich.<\/p>\n<p>Der <em>Luddismus<\/em> war die Antwort der Armen auf die Einf\u00fchrung dieser neuen Ordnung. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts hat sich in einem Klima der aufst\u00e4ndischen Wut die Bewegung der Maschinenst\u00fcrmer entwickelt. Dabei handelte es sich nicht nur um eine Nostalgie des goldenen Zeitalters des Handwerks. Der Durchbruch der Herrschaft der Quantit\u00e4t, des serienm\u00e4\u00dfigen Plunders, hat sicherlich zu einem guten Teil zur Wut der Menschen beigetragen. Von da an \u00fcberwog die notwendige Zeit, um eine Arbeit zu verrichten, \u00fcber die Qualit\u00e4t des Resultats, und diese inhaltliche Abwertung jeder einzelnen Arbeit hat die Armen dazu gef\u00fchrt, sich allgemein an der Arbeit zu vergreifen, was sich als dessen Kern herausstellte. Der Luddismus war aber an erster Stelle ein antikapitalistischer Unabh\u00e4ngigkeitskrieg, ein \u201eVersuch der Zerst\u00f6rung der neuen Gesellschaft\u201c (Mathias). \u201eAlle Adeligen und alle Tyrannen m\u00fcssen get\u00f6tet werden\u201c, lautete eines ihrer Flugbl\u00e4tter. Der Luddismus ist das Erbe der millenaristischen Bewegung einiger Jahrhunderte zuvor: obwohl er sich nicht mehr durch eine universelle und einheitliche Theorie ausdr\u00fcckte, blieb er dem politischen Geist und jeder \u00f6konomischen Pseudo-Rationalit\u00e4t gegen\u00fcber vollkommen fremd. Zur gleichen Zeit in Frankreich hingegen waren die Aufst\u00e4nde der Canuten \u2013 die sich auch gegen den Prozess der industriellen Domestizierung richteten \u2013 schon verseucht durch die politische L\u00fcge. \u201eSo verdunkelte ihr politischer Verstand ihnen die Wurzel der geselligen Not, so verf\u00e4lschte er ihre Einsicht in ihren wirklichen Zweck\u201c, schrieb der Marx von 1844. Ihr Slogan war \u201earbeitend leben oder k\u00e4mpfend sterben\u201c. In England, w\u00e4hrend das Gewerkschaftswesen nur wenig bek\u00e4mpft bzw. sogar toleriert wurde, stand auf dem Zerst\u00f6ren von Maschinen die Todesstrafe. Die totale Negativit\u00e4t der Luddisten hatte sie gesellschaftlich unakzeptabel gemacht. Der Staat hat auf zwei verschiedene Arten auf diese Bedrohung reagiert: er hat eine moderne professionelle Polizei gebildet, und die Gewerkschaften offiziell anerkannt. Der Luddismus wurde zuerst von der brutalen Repression zerschlagen und ist dann ausgestorben, nachdem die Gewerkschaften es geschafft hatten, die industrielle Logik durchzusetzen. Ein englischer Beobachter hat 1920 mit Erleichterung berichtet, dass \u201edas Feilschen \u00fcber die Bedingungen der Ver\u00e4nderung den blo\u00dfen Widerstand gegen die Ver\u00e4nderung \u00fcbertrumpft hat\u201c. Ein sch\u00f6ner Fortschritt!<br \/>\nVon all den Verleumdungen, die \u00fcber die Luddisten verbreitet wurden, kam die schlimmste von den Verteidigern der Arbeiterbewegung, welche in ihnen eine blinde und kindische Demonstration sahen. So ein Ausschnitt aus dem <em>Kapital<\/em>, welcher eine fundamentale Fehlinterpretation einer Epoche darstellt:<br \/>\n\u201eEs bedarf Zeit und Erfahrung, bevor der Arbeiter die Maschinerie von ihrer kapitalistischen Anwendung unterscheiden und daher seine Angriffe vom materiellen Produktionsmittel selbst auf dessen gesellschaftliche Exploitationsform \u00fcbertragen lernt.\u201c<br \/>\nDiese materialistische Auffassung der Neutralit\u00e4t der Maschinen gen\u00fcgt aus, um die Organisation der Arbeit, die eiserne Disziplin (in dieser Hinsicht war Lenin ein konsequenter Marxist) und schlie\u00dflich den ganzen Rest zu legitimieren. Angeblich geistig zur\u00fcckgeblieben, haben die Luddisten zumindest verstanden, dass die \u201emateriellen Produktionsmittel\u201c an erster Stelle Instrumente der Domestizierung sind, deren Form nicht neutral ist, da sie die Hierarchie und die Abh\u00e4ngigkeit gew\u00e4hrleistet.<br \/>\nDer Widerstand der ersten Fabrikarbeiter zeigte sich haupts\u00e4chlich in Bezug auf eine Sache, die eines ihrer seltenen Eigentume war, und derer sie beraubt wurden: ihrer Zeit. Ein alter religi\u00f6ser Brauch sah es vor, dass die Menschen weder am Sonntag noch am darauffolgenden \u201eBlauen Montag\u201c arbeiteten. Am Dienstag erholte man sich vom zweit\u00e4gigen Trinkgelage, so dass die Arbeit vern\u00fcnftigerweise erst wieder am Mittwoch beginnen konnte! Diese gesunde Praxis war zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Regel und in einigen Gewerben \u00fcberlebte sie bis 1914. Die Arbeitgeber benutzten verschiedene Zwangsmittel, um diesen institutionalisierten Absentismus zu bek\u00e4mpfen, ohne Erfolg. Nachdem die Gewerkschaften Fu\u00df gefasst hatten, hat man den \u201eBlauen Montag\u201c durch einen freien Nachmittag am Samstag ersetzt, ein glorreicher Sieg: die Arbeitswoche hat sich somit um zwei Tage erweitert!<br \/>\nEs war nicht blo\u00df die Frage der Arbeitszeit, die beim Blauen Montag auf dem Spiel stand, sondern auch die Frage \u00fcber die <em>Verwendung von Geld<\/em>. Die Arbeiter kehrten nicht zur Arbeit zur\u00fcck, bevor sie ihren ganzen Lohn ausgegeben hatten. Seit dieser Epoche wird der Sklave nicht mehr nur als Arbeiter betrachtet, sondern auch als Konsument. Adam Smith hat eine Theorie \u00fcber die Notwendigkeit aufgestellt, den inneren Markt zu entwickeln, indem man ihn f\u00fcr die Armen zug\u00e4nglich macht. Und wie der Bischof Berkeley 1755 schrieb: \u201eIst die Schaffung von Bed\u00fcrfnissen nicht die beste M\u00f6glichkeit, die Menschen zu industrialisieren?\u201c Wenn auch nur von geringer Wichtigkeit bis dahin, so adaptierte sich der den Armen bewilligte Lohn doch den Notwendigkeiten des Marktes. Diese jedoch benutzten das zus\u00e4tzliche Geld nicht nach den Erwartungen der \u00d6konomen; die Erh\u00f6hung des Lohns war gewonnene Zeit bei der Arbeit (was eine nette Umkehrung der utilitaristischen Maxime von Benjamin Franklin ist: <em>time is money<\/em>). Die so gewonnene Zeit in der Fabrik verbrachte man in den \u2013 zurecht so genannten \u2013 <em>Public Houses<\/em> (w\u00e4hrend dieser Epoche verbreiteten sich die Neuigkeiten \u00fcber Revolten von Pub zu Pub). Je mehr Geld die Armen besa\u00dfen, desto mehr tranken sie. Den Geist der Ware haben sie zuallererst in den Spirituosen entdeckt, zum gr\u00f6\u00dften Bedauern der \u00d6konomen, die davon ausgingen, dass sie das Geld sinnvoll ausgeben w\u00fcrden. Die gemeinsam vom B\u00fcrgertum und den \u201efortschrittlichen (also n\u00fcchternen) Fraktionen der Arbeiterklasse\u201c gef\u00fchrte Kampagne f\u00fcr M\u00e4\u00dfigkeit entstand nicht so sehr aus Sorge um die \u00f6ffentlichen Gesundheit (die Arbeit richtet noch mehr Sch\u00e4den an, ohne dass sie aber deren Abschaffung fordern), sondern diente der Ermahnung, dass man seinen Lohn sinnvoll ausgeben sollte. Hundert Jahre sp\u00e4ter wundern sich dann dieselben, wenn Arme auf Essen verzichten, um sich eine \u201e\u00fcberfl\u00fcssige\u201c Ware zu kaufen.<br \/>\nDie Sparpropaganda wurde eingef\u00fchrt, um diese Neigung zur unmittelbaren Geldausgabe zu bek\u00e4mpfen. Und wieder einmal war es \u201edie Avantgarde der Arbeiterklasse\u201c, welche die Spareinrichtungen f\u00fcr die Armen etablierte. Das Sparen verst\u00e4rkt den Zustand der Abh\u00e4ngigkeit der Armen und die Macht ihrer Feinde noch mehr: die Kapitalisten konnten die vor\u00fcbergehenden Krisen \u00fcberwinden, indem sie die L\u00f6hne senkten und die Arbeiter so an die Denkweise des existenziellen Minimums gew\u00f6hnten. Aber Marx hat in <em>Grundrisse<\/em> einen damals unl\u00f6slichen Widerspruch aufgezeigt: jeder Kapitalist verlangte von seinen Sklaven, <em>und nur von den seinen<\/em>, dass diese als Arbeiter sparten; alle anderen Sklaven waren f\u00fcr ihn Konsumenten, und mussten also Geld ausgeben. Dieser Widerspruch konnte nur sehr viel sp\u00e4ter gel\u00f6st werden, als die Entwicklung der Ware die Einf\u00fchrung der Kredite f\u00fcr die Armen erlaubte. Immerhin hat das B\u00fcrgertum, wenn es es auch einmal geschafft haben soll, das Verhalten der Arbeiter w\u00e4hrend ihrer Arbeit zu zivilisieren, es niemals geschafft, deren Geldausgabe komplett zu domestizieren. Es ist das Geld, wodurch die Brutalit\u00e4t immer wieder hervorgerufen werden wird.<\/p>\n<p>Nachdem die Abschaffung des Blauen Montags die Arbeitswoche verl\u00e4ngert hatte, \u201ehaben die Arbeiter sich nunmehr ihre Freizeit w\u00e4hrend der Arbeit eingerichtet\u201c (Geoff Brown). Die Verminderung des Arbeitstempos wurde zur Regel. Es war schlussendlich die Einf\u00fchrung der St\u00fcckarbeit, die die Disziplin in den Werkst\u00e4tten durchsetzte: Flei\u00df und Arbeitsleistung haben schlagartig zugenommen. Die bedeutendste Folge dieses Systems, welches seit den 1850er Jahre allgemein eingef\u00fchrt wurde, war, dass sie die Arbeiter zwang, <em>die industrielle Logik zu verinnerlichen<\/em>: um mehr zu gewinnen, musste man mehr arbeiten, was sich allerdings negativ auf die anderen Lohnarbeiter auswirkte, und zur gleichen Zeit wurden die am wenigsten flei\u00dfigen entlassen. Um diese ungez\u00fcgelte Konkurrenz zu beseitigen, ist die Kollektivverhandlung \u00fcber die zu liefernde Arbeitsmenge und dessen Verteilung und Entlohnung entstanden. Die gewerkschaftliche Schlichtung hat sich durchgesetzt. Nachdem dieser Sieg der Produktivit\u00e4t einmal errungen war, haben sich die Kapitalisten damit einverstanden erkl\u00e4rt, die Arbeitszeit herunterzusetzen. Das ber\u00fchmte Gesetz der zehn Stunden, falls es tats\u00e4chlich ein Sieg f\u00fcr die Gewerkschaften darstellte, war also eine Niederlage f\u00fcr die Armen, die Sanktionierung des Scheiterns ihres langen Widerstandes gegen die neue industrielle Ordnung.<\/p>\n<p>Somit wurde die allgegenw\u00e4rtige Diktatur der Notwendigkeit eingef\u00fchrt. Nachdem die \u00dcberreste der fr\u00fcheren sozialen Organisation einmal beseitigt waren, gab es nichts mehr auf dieser Welt, das nicht von den Erfordernissen der Arbeit bestimmt wurde. Der Horizont der Armen begrenzte sich auf den \u201eExistenzkampf\u201c. Jedoch kann man die Alleinherrschaft der Notwendigkeit nicht als simplen quantitativen Anstieg des Mangels begreifen: es handelte sich hierbei vor allem um die Kolonisierung des Verstandes durch das ordin\u00e4re und grobe Prinzip <em>der N\u00fctzlichkeit<\/em>, eine Niederlage des Denkens. Man messe hier die Konsequenz der Niederschlagung dieses millenaristischen Bewusstseins, welches die Armen w\u00e4hrend der ersten Phase der Industrialisierung angespornt hatte. Damals hatte man die Herrschaft der brutalen Notwendigkeit deutlich als <em>das Werk einer Welt<\/em> begriffen, dieser auf dem Eigentum und des Geldes gr\u00fcndenden Welt des Antichristen. Die Idee der Abschaffung der Not war nicht getrennt gewesen von der Idee der Realisierung des Paradieses auf Erden, \u201ediesem spirituellen Kanaan, wo Wein, Milch und Honig flie\u00dfen und das Geld nicht existiert\u201c (Coppe). Mit dem Scheitern dieses versuchten Umsturzes hat das Bed\u00fcrfnis einen <em>Schein von Unmittelbarkeit<\/em> erlangt. Der Mangel wurde von diesem Moment an als eine nat\u00fcrliche Katastrophe betrachtet, dem nur die zunehmend intensivere Arbeitsorganisierung Abhilfe schaffen konnte. Mit dem Triumph <em>der englischen Ideologie<\/em> entzog man den Armen, denen bereits alles genommen worden war, nun auch noch die eigentliche Idee vom Reichtum.<br \/>\nDer Kult der N\u00fctzlichkeit und des Fortschritts findet seinen Ursprung und seine Legitimit\u00e4t im Protestantismus, besonders in dessen puritanischer angels\u00e4chsischer Form. Indem sie aus der Religion eine Privatangelegenheit machte, best\u00e4tigte die protestantische Ethik die von der Industrialisierung verursachte soziale Atomisierung: das Individuum stand Gott gegen\u00fcber ebenso isoliert, wie es auch isoliert der Ware und dem Geld gegen\u00fcberstand. Danach stellte sie gerade die Werte in den Vordergrund, die von den modernen Armen verlangt wurden: Ehrlichkeit, Gen\u00fcgsamkeit, Abstinenz, Sparen, Arbeit. Die Puritaner, diese Arschl\u00f6cher, die pausenlos die Feste, die Spiele und die Ausschweifung bek\u00e4mpften, also alles was sich der Logik der Arbeit widersetzte, und die den millenaristischen Geist als \u201edas Ersticken jeglichen Unternehmergeistes beim Menschen\u201c (Webbe 1644) bezeichneten, haben den Weg freigemacht f\u00fcr die industrielle Gegenoffensive. Au\u00dferdem kann man von der Reformation sagen, dass sie der Prototyp des Reformismus war: aus einer Spaltung heraus entstanden, beg\u00fcnstigte sie ihrerseits alle weiteren Spaltungen. An andere stellt sie \u201enicht einmal die Forderung des Christentums, sondern nur noch der Religion \u00fcberhaupt, irgendeiner Religion\u201c.<br \/>\nEs war 1789 in Frankreich, als sich diese Prinzipien vollst\u00e4ndig verwirklichen konnten, indem sie ihre religi\u00f6se Form endg\u00fcltig ablegten und sich im Recht und in der Politik ausbreiteten. Frankreich war ein Nachz\u00fcgler in diesem industriellen Prozess: ein unvers\u00f6hnlicher Konflikt trennte das B\u00fcrgertum und den Adel, welcher jeglicher Mobilisierung des Geldes gegen\u00fcber stutzig war. Paradoxerweise war es dieser R\u00fcckstand, welcher das B\u00fcrgertum dazu f\u00fchrte, das modernste aller\u00a0 Prinzipien vorzubringen. In Gro\u00dfbritannien, wo die herrschenden Klassen sich seit langem auf einem gemeinsamen historischen Weg vereint hatten, \u201ehat die Erkl\u00e4rung der Menschenrechte Gestalt angenommen, nicht eingekleidet in die r\u00f6mische Toga, sondern in den Mantel der Propheten aus dem Alten Testament\u201c (Hobsbawm). Hier lag also nun das Limit, die Unvollst\u00e4ndigkeit der theoretischen Konter-Revolution aus Gro\u00dfbritannien: schlie\u00dflich beruhte die Staatsb\u00fcrgerschaft dort weiterhin auf der Doktrin <em>der Wahlen<\/em>, die Gew\u00e4hlten erkannten sich wieder in der Frucht ihrer Arbeit und in ihrer moralischen Zustimmung zu dieser Welt. So lie\u00df sie den <em>P\u00f6bel<\/em> au\u00dfer Acht, welcher noch von einer Welt der Freude tr\u00e4umen konnte. Die Zwangsarbeit in den Fabriken hatte zu Beginn das Ziel, diese bedrohende St\u00e4rke zu verringern, sie <em>gewaltsam<\/em> mithilfe eines sozialen Mechanismus zu integrieren. Es hatte dem englischen B\u00fcrgertum noch an der Feinheit beim L\u00fcgen gemangelt, welche dessen Gegenst\u00fcck auf der anderen Seite des \u00c4rmelkanals charakterisierte und es diesem erlaubte, die Armen zuerst <em>mit der Ideologie einzuschr\u00e4nken<\/em>. Auch heute noch legen die englischen Verteidiger der Alten Welt mehr Wert auf <em>moralische Richtigkeit<\/em> als auf politische Meinungen. Die besonders sichtbare und arrogante soziale Grenze, welche die Reichen von den Armen in diesem Land trennt, geht einher mit der schwachen Verbreitung der Idee der politischen und rechtlichen Gleichheit der Individuen.<br \/>\nObwohl die moralische Indoktrinierung der Puritaner am Anfang zur Folge hatte, all jene zu vereinen und zu st\u00e4rken, welche in einer sich ver\u00e4ndernden und unsicheren Welt ein besonderes Interesse zu verteidigen hatten, begann sie alsbald mit den Verw\u00fcstungen zulasten der unteren Klassen, nachdem diese bereits unter dem Joch der Arbeit und des Geldes zusammengeklappt waren, um so deren Niederlage zu vollenden. Ure empfahl seinesgleichen, die \u201emoralische Maschinerie\u201c mit der gleichen Gewissenhaftigkeit zu pflegen wie die \u201emechanische Maschinerie\u201c, um so \u201eden Gehorsam akzeptabel zu machen\u201c. Nachdem diese moralische Maschinerie erst einmal von den Armen aufgenommen worden war, sollte sie bald ihre unheilvollen Folgen aufzeigen, indem sie der aufkommenden Arbeiterbewegung ihren Stempel aufdr\u00fcckte. Es vermehrten sich die methodistischen, wesleyanischen, baptistischen und anderen <em>Arbeitersekten<\/em>, bis sie schlie\u00dflich genauso viele Gl\u00e4ubiger versammelten wie die Kirche Englands, Institution des Staates. In diesem, den neuen Industriegebieten gegen\u00fcber feindlich gesinnten Umfeld, zogen sich die Arbeiter \u00e4ngstlich in die die Kapelle zur\u00fcck. Man ist immer dazu gen\u00f6tigt, Kr\u00e4nkungen zu rationalisieren f\u00fcr die man keine Rache aus\u00fcbt: die neue Arbeitermoral erkl\u00e4rte die Armut zum Gnadengesuch und das Sparen zur Tugend. An jenen Orten war die Gewerkschaft der unmittelbare Spr\u00f6ssling der Kapelle und die laizistischen Prediger verwandelten sich in Gewerkschaftsvertreter\u00b2. Die vom B\u00fcrgertum gef\u00fchrte Kampagne, um die Armen zu zivilisieren, sollte die soziale Wut nur <em>indirekt<\/em> \u00fcbertrumpfen, da es ausreichte, dass die Arbeitervertreter diese Kampagne aufgriffen \u2013 denn sie \u00fcbernahmen in ihren K\u00e4mpfen gegen ihre Meister nunmehr deren Sprache. Die \u2013 noch \u2013 religi\u00f6sen Ausdrucksformen, die von der Domestizierung der Denkweise verursacht werden konnten, waren aber blo\u00df eine Begleiterscheinung. Die Domestizierung hatte in der wirtschaftlichen L\u00fcge eine viel effizientere Basis.<\/p>\n<p>J. und P. Zerzan\u00b3 haben diesen Widerspruch treffend hervorgehoben: es war im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts, als die Armen die entw\u00fcrdigendsten und verst\u00fcmmelndsten Konditionen in allen Bereichen ihres Lebens ertragen mussten, als jeglicher Widerstand gegen die Einf\u00fchrung der neuen kapitalistischen Ordnung geschlagen war; es war genau in diesem Moment, dass Marx, Engels und alle ihre Epigone mit Genugtuung die Geburt der \u201erevolution\u00e4ren Armee der Arbeit\u201c begr\u00fc\u00dften und glaubten, dass die objektiven Bedingungen endlich geschaffen waren f\u00fcr einen siegreichen proletarischen Angriff. In seiner ber\u00fchmten Ansprache 1864 an die Internationale beginnt Marx mit einer detaillierten Schilderung der entsetzlichen Situation der englischen Armen, um kurz darauf \u201edie wunderbaren Erfolge\u201c zu feiern: das Gesetz der zehn Stunden (wir haben gesehen, was es damit auf sich hatte) und die Errichtung genossenschaftlicher Fabriken, welche \u201eein Sieg der politischen \u00d6konomie der Arbeit \u00fcber die politische \u00d6konomie des Eigentums\u201c darstellte! Wenn die marxistischen Kommentatoren ausgiebig das schreckliche Schicksal der Arbeiter des 19. Jahrhunderts geschildert haben, so betrachten sie dies gewisserma\u00dfen als unvermeidbar und vorteilhaft. Unvermeidbar, weil es eine fatale Folge der Erfordernisse der Wissenschaft und der notwendigen Entwicklung der \u201eProduktionsverh\u00e4ltnisse\u201c war. Vorteilhaft insofern \u201edas Proletariat vereint, diszipliniert und organisiert worden ist durch den Produktionsmechanismus\u201c (Marx). Die Arbeiterbewegung bildete sich auf einer rein defensiven Basis. Die ersten Arbeiterorganisationen waren \u201eGesellschaften des Widerstands und der gegenseitigen Hilfe\u201c. Doch w\u00e4hrend die revoltierenden Armen sich zuvor immer <em>im Negativen<\/em> wiedererkannt hatten, durch die Benennung der Klasse ihrer Feinde, war es auf und wegen der Arbeit \u2013 welche mit Gewalt ins Zentrum ihrer Existenz ger\u00fcckt wurde \u2013, dass die Arbeiter in ihr nach einer positiven Gemeinschaft suchten, nicht von ihnen selbst hervorgerufen, sondern von einem \u00e4u\u00dferen Mechanismus. Diese Ideologie nahm zuerst Gestalt an inmitten der \u201earistokratischen Minderheit\u201c der qualifizierten Arbeiter, \u201edieser Sektor, f\u00fcr den sich die Politiker interessieren und aus dem diejenigen stammen, welche die Gesellschaft nur allzu gerne als die Vertreter der Arbeiterklasse begr\u00fc\u00dfen will\u201c, wie es Edith Simcox 1880 sachdienlich festgestellt hat. Die riesige Masse der noch unregelm\u00e4\u00dfigen und unqualifizierten Arbeiter hatte aus diesem Grund kein B\u00fcrgerrecht. Es waren sie, die, als die Gewerkschaften ihre T\u00fcren \u00f6ffneten, den legend\u00e4ren k\u00e4mpferischen und wilden Geist der englischen Arbeiter bewahrten. Es begann eine lange Phase sozialer K\u00e4mpfe, die gelegentlich sehr gewaltsam waren, aber denen jegliches einigendes Prinzip fehlte.<\/p>\n<p>\u201eObwohl die revolution\u00e4re Initiative wahrscheinlich in Frankreich starten wird, kann allein England als <em>Antrieb<\/em> f\u00fcr eine ernsthaft \u00f6konomische Revolution dienen. (\u2026) Die Engl\u00e4nder haben all das ben\u00f6tigte <em>Material<\/em> f\u00fcr die soziale Revolution. Was ihnen fehlt, ist der sich <em>verallgemeinernde Geist<\/em> und die <em>revolution\u00e4re Leidenschaft<\/em>.\u201c Diese Aussage des Generalrats der Internationalen beinhaltet gleichzeitig die Wahrheit und das falsche Bewusstsein einer Epoche. Von einem sozialen Standpunkt aus betrachtet, hat England schon immer ein <em>R\u00e4tsel<\/em> dargestellt: das Land, das die modernen Voraussetzungen der Ausbeutung hervorbrachte und das somit als erstes eine gro\u00dfe Masse an Armen erzeugte, ist auch das Land, dessen Institutionen seit mittlerweile drei Jahrhunderten unver\u00e4ndert geblieben sind und das nie von einem revolution\u00e4ren Angriff ersch\u00fcttert worden ist. Dies steht im Gegensatz zu den Nationen des europ\u00e4ischen Kontinents, und widerspricht der marxistischen Auffassung der Revolution. Die Kommentatoren haben versucht, dieses R\u00e4tsel mit einem britischen Atavismus zu erkl\u00e4ren, was zum tausendfach wiederholten Bl\u00f6dsinn \u00fcber den reformistischen und anti-theoretischen Geist der englischen Armen gef\u00fchrt hat, im Vergleich zum radikalen Bewusstsein, das die Armen in Frankreich geleitet hat, immer bereit dazu, auf die Barrikaden zu steigen. Solch eine ahistorische Vision vergisst erstens die theoretische F\u00fclle w\u00e4hrend der Jahre des B\u00fcrgerkrieges im 17. Jahrhundert und zweitens die Ausdauer und die Gewalt, die immer schon die sozialen K\u00e4mpfe der englischen Armen gekennzeichnet haben, und die seit Mitte dieses Jahrhunderts unaufh\u00f6rlich gestiegen sind. In Wirklichkeit ist dies des R\u00e4tsels L\u00f6sung: <em>die Revolte der Armen h\u00e4ngt immer davon ab, was ihr gegen\u00fcbersteht<\/em>.<\/p>\n<p>In England haben die herrschenden Klassen ihre Unternehmung der Domestizierung kurzerhand mit der rohen Gewalt eines sozialen Mechanismus durchgesetzt. Auch bedauern die englischen Historiker oft, dass die \u201eindustrielle Revolution\u201c nicht von einer \u201ekulturellen Revolution\u201c begleitet wurde, welche die Armen in den \u201eindustriellen Geist\u201c integriert h\u00e4tte (solche \u00dcberlegungen haben sich in den 1970er Jahren vermehrt, als die Ausbreitung der wilden Streiks den Ernst der Lage enth\u00fcllte). In Frankreich war die b\u00fcrgerliche Gegenoffensive zuerst theoretischer Art, durch die Herrschaft der Politik und des Rechts, \u201edieses Wunder, das die Menschen seit 1789 missbraucht\u201c (Louis Blanc). Diese Grunds\u00e4tze <em>vertraten<\/em> ein universelles Projekt, es war ein Versprechen der Teilnahme, das man den Armen machte, sobald diese die Modalit\u00e4ten als die ihren anerkannten. Ein Teil der Armen ernannte sich um 1830 zum Sprachrohr und forderte, dass \u201eman den Menschen, die erniedrigt worden sind, ihre b\u00fcrgerliche W\u00fcrde zur\u00fcckgeben m\u00fcsse\u201c (Proudhon). Ab 1848 wurden die gleichen Grunds\u00e4tze gegen das B\u00fcrgertum im Namen der \u201eRepublik der Arbeit\u201c vorgebracht. Und wir wissen, wie sehr der Ballast von 1789 bei der Niederschlagung der Commune mitgewirkt hat. Es ist ein soziales Projekt, das sich im 19. Jahrhundert in zwei teilte. In England, der Metropole des Kapitals, konnten die sozialen K\u00e4mpfe nicht in einem gemeinsamen Angriff verschmelzen, wodurch sie in \u201e\u00f6konomische\u201c K\u00e4mpfe verkleidet wurden. In Frankreich, der Geburtsst\u00e4tte des Reformismus, blieb dieser gemeinsame Angriff in einer politischen Form gefangen und \u00fcberlie\u00df somit das letzte Wort dem Staat. Das Geheimnis des Fehlens einer revolution\u00e4ren Bewegung jenseits des \u00c4rmelkanals ist also identisch mit dem Geheimnis der Niederlage der revolution\u00e4ren Bewegungen auf dem Kontinent.<br \/>\nHeute schlie\u00dft dieser Prozess, dessen Entstehung wir soeben beschrieben haben, ab: die klassische Arbeiterbewegung hat sich endg\u00fcltig in die Zivilgesellschaft integriert, w\u00e4hrend sich eine neue Unternehmung der industriellen Domestizierung abzeichnet. Heute gelangen ebenso die Gr\u00f6\u00dfe wie die Grenzen der vergangenen Bewegungen \u2013 welche immer noch die sozialen Bedingungen einer jeden Region dieser Welt bestimmen \u2013 ans Licht.<\/p>\n<p>L\u00e9opold Roc<\/p>\n<p>1Siehe <i>L&#8217;Incendie mill\u00e9nariste<\/i>, S. 233-58<\/p>\n<p>2Ein vielsagendes Beispiel: die 1891 in Manchester gegr\u00fcndete Arbeiterkirche hatte als einzige Funktion, die Arbeiter aus dem Norden dazu zubringen, einer unabh\u00e4ngigen Arbeiterpartei beizutreten. Gleich danach ist sie wieder verschwunden.<\/p>\n<p>3<i>Industrialism &amp; Domestication<\/i>, Black Eye Press, Berkeley, 1979<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Folgender Text ist ein Auszug aus dem Buch Os Cangaceiros &#8211; Ein Verbrechen namens Freiheit, Cumbula Velifera &#038; Unruhen Publikationen, Amsterdam, September 2013. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":9519,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[462,453],"tags":[37,194,49],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9523"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9523"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9523\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10269,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9523\/revisions\/10269"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9519"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9523"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9523"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9523"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}