{"id":9532,"date":"2013-11-03T13:09:09","date_gmt":"2013-11-03T12:09:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=9532"},"modified":"2013-11-03T21:59:34","modified_gmt":"2013-11-03T20:59:34","slug":"mehr-als-tuetenkleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/mehr-als-tuetenkleben","title":{"rendered":"Mehr als T\u00fctenkleben"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Gef\u00e4ngnis.jpg\" rel=\"lightbox[9532]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright\" alt=\"Gef\u00e4ngnis\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Gef\u00e4ngnis-250x187.jpg\" width=\"156\" height=\"117\" \/><\/a>erschienen am 1. November 2013 in der<a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2013\/11-01\/020.php\" target=\"_blank\"> Tageszeitung junge Welt<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><strong>Von der \u00bbSchnapsaxt\u00ab bis zur Strickleiter: Was H\u00e4ftlinge in deutschen Gef\u00e4ngnissen herstellen. Auch Konzerne haben die billigen Arbeitskr\u00e4fte f\u00fcr sich entdeckt<\/strong><br \/>\n<!--more--><br \/>\nT\u00fctenkleben gilt als typische Besch\u00e4ftigung von H\u00e4ftlingen. Doch m\u00fcssen Insassen deutscher Justizvollzugsanstalten (JVA) tats\u00e4chlich basteln? Im Jahr 2009 wurde bekannt, da\u00df Gefangene in Bielefeld f\u00fcr eine Privatfirma Schilder mit obskuren Spr\u00fcchen herstellten. Diese wurden u. a. bei \u00bbKaufhof\u00ab und \u00bbHornbach\u00ab angeboten. Interessenten konnten w\u00e4hlen, beispielsweise zwischen \u00bbKoks f\u00fcr alle\u00ab oder \u00bbDie Frau ist ein \u00dcbel, wenn auch ein notwendiges\u00ab.<\/p>\n<p>Aktuelle jW-Recherchen in allen 16 Bundesl\u00e4ndern ergaben: Weit vom T\u00fctenkleben sind die T\u00e4tigkeiten, denen die Gefangenen aktuell nachgehen, oftmals nicht entfernt. So geh\u00f6ren in Sachsen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, dem Saarland und Th\u00fcringen Produktverpackung zum Standardrepertoire. Es handele sich \u00bbum Arbeiten einfacher Art, die keine Vorkenntnisse und nur eine kurze Einarbeitungszeit\u00ab erforderten, erl\u00e4uterte Birgit E\u00dfer-Schneider, Sprecherin des s\u00e4chsischen Justiz- und Europaministeriums. Im Freistaat w\u00fcrden zumeist \u00bbdurch die Gefangenen Konfektionierungs-, Montage-, Verpackungs- sowie einfache Fertigungsarbeiten durchgef\u00fchrt\u00ab. In Bremen werkelten Inhaftierte f\u00fcr die Geschenkartikelkette \u00bbNanu-Nana\u00ab. Auch wer in der Hansestadt zuletzt einen Weihnachtskalender kaufte, bekam wom\u00f6glich ein Produkt von H\u00e4ftlingen: Sie durften dort \u00bbLose in Weihnachtskalender einpflegen\u00ab, f\u00fcr die Toto- und Lotto GmbH. In Schleswig-Holstein verrichten Gefangene \u00bbLohnarbeiten wie beispielsweise Sortieren, Kuvertieren, Abpacken, L\u00f6ten, N\u00e4hen oder Montieren\u00ab, so das dortige Justizministerium.<\/p>\n<p>Es gibt zwei Arten der Produktion in Haftanstalten: Eigenproduktionen, die zum Beispiel im Internet verkauft werden. Oder Auftragsfertigung von Firmen. In letzterer werden in Hamburg beispielsweise Roll\u00e4den, Blumenk\u00fcbel und Grills hergestellt oder Autoteile konfektioniert. In der JVA Billwerder geh\u00f6rt laut Justizbeh\u00f6rde neben \u00bbVerpackungsarbeiten\u00ab, der \u00bbSortierung von Schrott\u00ab und \u00bbAltkleidern\u00ab auch \u2013 f\u00fcr einen Knast nicht vollkommen risikolos \u2013 die \u00bbHerstellung von Strickleitern\u00ab zur Palette von Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Mit der Arbeit von Gefangenen werden Millionen verdient, wenngleich der Strafvollzug auch kostet. Von den zw\u00f6lf Bundesl\u00e4ndern, die auf Anfrage dazu Auskunft gaben, erwirtschaftet Baden-W\u00fcrttemberg den h\u00f6chsten Gewinn \u2013 insgesamt 25,8 Millionen Euro im Jahr. Niedersachsen verdiente zuletzt 18,7 Millionen.<\/p>\n<p>In Hessen erbringen die Gefangenen nach Angaben des Justizministeriums \u00bbVorarbeiten f\u00fcr die Confiserie\u00ab. Sie leisten auch \u00bbSchleifarbeiten f\u00fcr Automobilzulieferer\u00ab und arbeiten an der \u00bbKonfektionierung von Original-Ersatzteilen f\u00fcr die Automobilindustrie\u00ab. Ob Opel in R\u00fcsselsheim damit zu tun hat, wollte weder das Ministerium noch die Firma selbst mitteilen.<\/p>\n<p>Auch in Baden-W\u00fcrttemberg hielt man sich zu den Vertr\u00e4gen der JVAs mit Firmen bedeckt. Man f\u00fcrchtet dort, da\u00df ansonsten \u00bbdringend ben\u00f6tigte Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr Gefangene mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit entfallen w\u00fcrden\u00ab, sagte Martina Sch\u00e4fer, Sprecherin des Justizministeriums. \u00bbBei Wegfall der Arbeitspl\u00e4tze best\u00fcnde in aller Regel nur die Alternative eines \u00fcberwiegenden Verschlusses im Haftraum und einem damit verbundenen Aufbau von gef\u00e4hrlichem Aggressionspotential.\u00ab<\/p>\n<p>Sch\u00e4fer best\u00e4tigte auch, da\u00df \u00bbLohnarbeiten\u00ab im Zusammenhang mit \u00bbBauteilen f\u00fcr die Automobil- und Elektroindustrie\u00ab durchgef\u00fchrt werden. Ob diese f\u00fcr die nahegelegenen Konzerne Porsche oder Daimler bestimmt sind, wollte man nicht mitteilen. Im Falle einer Auskunft werde \u00bbder durch die Besch\u00e4ftigung erreichbare Resozialisierungserfolg nachhaltig gef\u00e4hrdet\u00ab, so Sch\u00e4fer. Die Daimler AG \u00bbvergibt seit Jahren in Abstimmung mit den jeweiligen Beh\u00f6rden und nach entsprechender Ausschreibung Lohnarbeiten auch an Strafanstalten\u00ab, so Unternehmenssprecherin Silke Walters. F\u00fcr die Lohnarbeit erhalten die H\u00e4ftlinge, je nach Verg\u00fctungsstufe, 11,64 bis 14,55 Euro. Pro Tag. Von Porsche gab es dazu keine Auskunft.<\/p>\n<p>Welche potenten Kunden f\u00fcr die dortigen Millioneneinnahmen verantwortlich sind, will man auch in Niedersachsen nicht preisgeben. Sonst sei \u00bbdringend zu bef\u00fcrchten\u00ab, da\u00df \u00bbein \u00fcberwiegendes \u00f6ffentliches Interesse verletzt\u00ab werde. W\u00fcrde N\u00e4heres \u00fcber die Auftraggeber bekannt, \u00bbbest\u00fcnde die konkrete Gefahr, da\u00df diese sich zur\u00fcckziehen und die entsprechenden Arbeitspl\u00e4tze wegfallen w\u00fcrden\u00ab, erkl\u00e4rte ein Sprecher des Justizministeriums. Dies sei \u00bbdurch konkrete Erfahrungen und Sachverhalte belegt\u00ab. Niedersachsen hat sich verpflichtet, 75 Prozent aller Gefangenen zu besch\u00e4ftigen. M\u00f6gliche schlechte Presse und ein damit verbundenes Zur\u00fcckscheuen von Firmen vor weiteren Auftr\u00e4gen an die JVAs k\u00e4me da ungelegen. Nur so viel wollte man preisgeben: H\u00e4ftlinge w\u00fcrden unter anderem in der Produktveredelung eingesetzt. Hier werde \u00bbentweder der Wert eines bereits gefertigten Produktes durch z.B. Polieren weiter gesteigert oder ein abgenutztes Produkt wieder in einen Neuzustand versetzt\u00ab.<\/p>\n<p>In Mecklenburg-Vorpommern sieht es \u00e4hnlich aus. Hier werden nach Auskunft des Justizministeriums \u00bbbeim Rotationsverfahren angefallene Kunststoff\u00fcberst\u00e4nde\u00ab durch H\u00e4ftlinge entfernt. \u00bbEinzelne Produkte werden konfektioniert und nach der Qualit\u00e4tskontrolle in die Weiterverarbeitung der Firma Emano gegeben\u00ab, so eine Sprecherin. \u00bbDurch die Firma Emano\u00ab, die ebenfalls die Autobranche beliefert, werden sowohl eigene Produkte hergestellt als auch Kundenauftr\u00e4ge erledigt\u00ab. F\u00fcr welche Automarken, will man nicht sagen. Man gebe \u00bbgenerell keine Auskunft\u00ab zu Vertr\u00e4gen, so Peggy Gra\u00df von der Emano Kunststofftechnik GmbH.<\/p>\n<p>Einige JVAs haben eigene Onlineshops, verkaufen Produkte im Internet. Die Palette reicht dabei von Geschenkartikeln \u00fcber B\u00fcrobedarf bis hin zu ma\u00dfangefertigten M\u00fcllcontainern. In Nordrhein-Westfalen gibt es seit Jahren den \u00bbKnastladen\u00ab auf knastladen.de. Neben dem \u00bbNistkasten \u203aBVB\u2039\u00ab kann auch die \u00bbSchnapsaxt\u00ab erworben werden, ein Tablett zum Transport von Trinkgl\u00e4sern, das in der JVA Attendorn hergestellt wird. Damit, so wirbt das NRW-Justizministerium, k\u00f6nne man \u00bbz\u00fcnftig feiern\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Von Marvin Oppong<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>erschienen am 1. November 2013 in der Tageszeitung junge Welt. Von der \u00bbSchnapsaxt\u00ab bis zur Strickleiter: Was H\u00e4ftlinge in deutschen Gef\u00e4ngnissen herstellen. 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