{"id":9943,"date":"2014-01-21T23:42:43","date_gmt":"2014-01-21T22:42:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-berlin.net\/?p=9943"},"modified":"2015-01-31T15:35:30","modified_gmt":"2015-01-31T14:35:30","slug":"thomas-meyer-falk-2-tote-in-2-tagen-in-freiburgs-knast","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-berlin.net\/2008\/thomas-meyer-falk-2-tote-in-2-tagen-in-freiburgs-knast","title":{"rendered":"Thomas Meyer-Falk: 2 Tote in 2 Tagen in Freiburgs Knast"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" rel=\"lightbox[9943]\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft\" title=\"faust-durchs-gitter\" src=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/faust-durchs-gitter.jpg\" alt=\"faust-durchs-gitter\" width=\"115\" height=\"120\" \/><\/a><span class=\"dropcap\">N<\/span>icht umsonst wird die Sicherungsverwahrung im Gef\u00e4ngnisjargon \u201eTotenstation\u201c genannt: am 19.01.2014 starb dort Mario. Und am Tag zuvor starb in der Jugendabteilung, in einem Anbau zur SV-Anstalt, ein Jugendlicher durch Suizid.<\/p>\n<p><strong>Der Abend des 19.01.2014<\/strong><\/p>\n<p>Noch wenige Stunden zuvor spielten D., Mario und ich Skat im Gruppenraum der Station 2. Als ich sp\u00e4ter, um auf dem Gemeinschaftsfernseher \u201edefacto\u201c (HR) anzusehen, wieder in den Raum kam, lag Mario etwas schr\u00e4g auf der Couch, aber da er dort manchmal schlief, dachte ich mir nichts weiter, setzte mich in mein gewohntes Eck der Couch, streckte mich aus und zappte durch die Programme. Nebenbei h\u00f6rte ich, wie der Dienst habende Beamte, Obersekret\u00e4r D. (<a title=\"Thomas Meyer-Falk: Nikolaus-Aff\u00e4re im Knast von Freiburg\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-nikolaus-affaere-im-knast-von-freiburg\" target=\"_blank\">manchen vielleicht noch aus der \u201eNikolaus-Aff\u00e4re\u201c bekannt<\/a>) lautstark ein Privattelefonat f\u00fchrte und \u00fcber Kindertische und bunte Kinderst\u00fchle debattierte. Er schaute sich vom Dienstrechner aus im Internet surfend solche an und dirigierte sein Gegenpart am Telefon durch die Internetseite. Als D. gegen 18.30 Uhr Dienstende hatte, schaute er nur beil\u00e4ufig in den Gruppenraum, gr\u00fc\u00dfte und entschwand.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df weiter neben Mario. Bis dann S. in den Raum kam; er war fr\u00fcher mal Bestatter von Beruf. Da der Humor im Gef\u00e4ngnis oftmals recht herb und schwarz ist, unkte ich, dass Mario ja einen recht stabilen Schlaf habe, ihn nichts zu st\u00f6ren scheine. Aus Spa\u00df starrten wir dann auf Marios Brust, um zu sehen, ob sie sich bewegt. Aber aus Spa\u00df wurde schnell Ernst, denn es bewegte sich nichts. S. schaute, ob er Atem sp\u00fcrte. Danach tasteten wir nach einem Puls und stupsten Mario an. Keine Reaktion. Der mittlerweile Dienst tuende Beamte, Obersekret\u00e4r L. wurde angesprochen, und ziemlich aufgew\u00fchlt und aufgeregt schrie er in sein Funkger\u00e4t, dass sofort ein \u201eSani kommen\u201c m\u00f6ge. S. kommentierte das trocken mit: \u201eDem hilft kein Sani mehr!\u201c Binnen weniger Sekunden waren diverse W\u00e4rterInnen vor Ort und alle auf Station 2 wurden weggeschlossen.<\/p>\n<p>Man konnte dann durch das Fenster noch das Piepsen eines Defibrilators h\u00f6ren \u2013 aber alle M\u00fchen waren vergeblich. Die Aufregung von Obersekret\u00e4r L. d\u00fcrfte auch damit zu tun gehabt haben, dass er bei Dienstantritt auch in den Gruppenraum schaute (wie zuvor sein Kollege D.) und ebenso freundlich gr\u00fc\u00dfte, dabei gleichfalls den scheinbar schlafenden Mario auf der Couch sah. Wie man jetzt wei\u00df, war er da aber schon tot.<\/p>\n<p><strong>Wer war Mario?<\/strong><\/p>\n<p>Beliebt war er nicht. Obwohl man \u00fcber Tote nichts Schlechtes sagen soll, so muss man dennoch nicht l\u00fcgen. Er hatte eine sehr direkte, manchmal auch b\u00f6se Art, anderen Menschen Wahrheiten direkt ins Gesicht zu sagen. Selbst wegen eines Sexualdelikts in Sicherungsverwahrung, sportlich, Anfang 50, die \u201eBILD-Zeitung\u201c der SV-Anstalt. Noch Anfang 2013 kam er in Isolationshaft, denn in Zelle 135 (in der ich jetzt diese Zeilen schreibe) starb damals ein Mitverwahrter und Mario nahm das zum Anlass f\u00fcr mutige und lautstarke Auftritte im Gef\u00e4ngnishof: bezeichnete die Beamten als M\u00f6rder. Zitierte Menschenrechtsdeklarationen. Nach Ansicht der Anstalt hetzte er damit andere Verwahrte auf. F\u00fcr 2014 prophezeite Mario mindestens 5 weitere Tote.<\/p>\n<p>Eine makabere Pointe, die da das Leben schrieb: Mario, der selbst W\u00e4rtern vorhersagte, dass er sie alle \u00fcberleben werde, zumal er sich so gesund ern\u00e4hre und lebe, starb als erster.<\/p>\n<p>Ein wenig kokettierte Mario immer damit, dass er den Gro\u00dfteil seines Taschengeldes an die Kindernothilfe und auch sein Tatopfer \u00fcberwies, dass jedoch die Justiz diesen \u201eT\u00e4ter-Opfer-Ausgleich\u201c nicht ernst nehme. Wenn er jedoch etwas \u00fcbrig hatte, teilte er das immer, insbesondere mit jenen, die noch weniger hatten als er.<\/p>\n<p>Neben seiner f\u00fcr alle Seiten durchaus nervigen Art, hatte er insoweit eine soziale Ader. In den Abendstunden des 19.01.2014 t\u00f6nten erste Rufe \u00fcber den Hof der SV: M\u00f6rder! M\u00f6rder!\u201c in Bezug auf die Justiz. <a title=\"Thomas Meyer-Falk: Silvester 2013 in Freiburgs Knast\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/thomas-meyer-falk-silvester-2013-in-freiburgs-knast\" target=\"_blank\">An anderer Stelle schrieb ich<\/a>, es sei wahrscheinlicher, dass die Verwahrten hier drinnen st\u00fcrben, anstatt lebend die Anstalt zu verlassen.<\/p>\n<p>Das Sterben in der SV hat nie aufgeh\u00f6rt, mit Mario ist ein weiterer Verwahrter im Knast gestorben. Sein Tod wird zum Menetekel, insbesondere f\u00fcr jene, die jetzt schon gesundheitlich sehr angeschlagen sind: Verwahrte mit extremem \u00dcbergewicht, Herzinfarkten, Schlaganf\u00e4llen, Beinamputationen, denn Mario war sportlich, energiegeladen und jeden Tag im Hof unterwegs. Oftmals als einziger von rund 50 Verwahrten.<\/p>\n<p><strong>Suizid im Jugendbau<\/strong><\/p>\n<p>Noch Stunden vor seinem eigenen Tod sprach mich Mario in der ihm eigenen dr\u00e4ngenden Art auf einen Suizid an. Am Samstag habe sich im Jugendbau, der nur ein paar Gangt\u00fcren von der SV entfernt ist, ein Jugendlicher umgebracht, ob ich denn dar\u00fcber nicht berichten wolle. Er werde mir weitere Informationen besorgen.<br \/>\nN\u00e4here Informationen konnte Mario nicht mehr einholen.<\/p>\n<p>Interessant mag noch sein, dass bis 2012 im jetzigen SV-Bau die jugendlichen Gefangenen einsa\u00dfen. Man verlegte sie in den Altbau, in enge, sch\u00e4bige abgewohnte Zellen. Die Fenster hoch droben, nur kaltes Wasser in der Zelle, das WC im Zelleneck. Keine anst\u00e4ndigen Schulungs- oder Freizeitr\u00e4ume. Zuvor, in der jetzt von der Sicherungsverwahrung belegten Abteilung, hatten sie flie\u00dfend warmes Wasser in der Zelle, das WC war baulich abgetrennt, die Fenster sch\u00f6n gro\u00df und auf H\u00fcfth\u00f6he. Sie litten sehr, als man sie in den Altbau verlegte, nur ein paar Verbindungst\u00fcren weiter.<\/p>\n<p>Sinnigerweise teilen sich noch heute Jugendliche und Sicherungsverwahrung die Sozialarbeiterin B., denn zu 50% Stellenanteil ist diese im Jugendbau aktiv und zu 50% in der SV.<\/p>\n<p><strong>Ausblick<\/strong><\/p>\n<p>Hauptsekret\u00e4r H., tr\u00e4ge dreinblickend, beschied mich um kurz nach 20 Uhr, am Sonntag, also einige Zeit nach Auffinden der Leiche von Mario, durch eine kleine Luke in der Zellent\u00fcre, ich m\u00f6ge mich \u201e\u00fcberraschen lassen\u201c, ob heute nochmal die Zelle aufgehe oder nicht. Die Zelle ging tats\u00e4chlich gegen 21 Uhr kurz auf, aber nur weil zwei Kripo-Beamte wissen wollten, wie sich die Auffindesituation gestaltet hatte.<\/p>\n<p>Das Jahr ist noch jung: ein Verwahrter, E., liegt im Vollzugskrankenhaus nach einer Herz-OP. K. liegt auch dort, n\u00e4mlich auf dem Hohenasperg bei Stuttgart, weil ihm ein Unterschenkel amputiert werden musste. Dann starb am 18.01. jener Jugendliche durch Suizid und nun am 19.01.2014 Mario H., augenscheinlich eines nat\u00fcrlichen Todes.<\/p>\n<p>Das \u201eTotenhaus\u201c Sicherungsverwahrung macht seinem Namen auf makabere Weise \u201eEhre\u201c.<\/p>\n<p><em>Thomas Meyer-Falk<br \/>\nc\/o JVA (Sicherungsverwahrung)<br \/>\nHermann-Herder-Str. 8<br \/>\nD-79104 Freiburg<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\" target=\"blank\">www.freedom-for-thomas.de<\/a><\/em><br \/>\n<em> <a href=\"http:\/\/www.freedomforthomas.wordpress.com\" target=\"blank\">www.freedomforthomas.wordpress.com <\/a> <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht umsonst wird die Sicherungsverwahrung im Gef\u00e4ngnisjargon \u201eTotenstation\u201c genannt: am 19.01.2014 starb dort Mario. 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