Zusammenfassung der Antiknasttage 2012 in Dresden

 Impressionen der Antiknasttage vom 4. bis 7. Oktober 2012 in Dresdenübernommen von linksunten.indymedia.org

„Knast geht uns alle an!“ So lautete der Untertitel der Antiknasttage vom 4. bis 7. Oktober 2012 in Dresden. In Vorträgen, Workshops, Diskussionen und einer Ausstellung wurden verschiedene Aspekte von Knast, Autorität und Repression aufgezeigt und kritisch betrachtet. Außerdem gab es eine spontane Aktion vor den Mauern der JVA Dresden, um den Gefangenen zu zeigen, dass sie hinter den Mauern nicht allein sind oder vergessen werden.

Warum Antiknasttage? 

Jede Gesellschaftsordnung, die auf Macht und Unterdrückung basiert, braucht Knäste um diejenigen zu bestrafen, die sich nicht ihren Regeln unterwerfen. Dies beginnt in der Schule, wo Leistungserwartungen und Kopfnoten die SchülerInnen unter Druck setzen, mitkommen nicht mitkommen. Die kapitalistische Verwertungslogik und die amtliche Kontrolle lassen sich ebenfalls in allen Teilen unserer Lebenswelt wiederfinden. Das fängt bei Schikanen im Jobcenter an und reicht bis zur Funkzellenauswertung und anderen Methoden der Rasterfahndung. Die Spitze dieses repressiven Systems stellt in unserer Gesellschaft wohl der Knast dar.

Aber das Thema Knast ist sehr komplex und lässt sich wohl kaum in vier Tagen abhandeln. Genau das war für uns der Anlass einen möglichst breiten Überblick und Einstieg in die verschiedenen Debatten zu geben. Im folgenden soll kurz dokumentiert werden, welche Veranstaltungen im AZ Conni  stattgefunden haben und wo ihr weitere Informationen dazu findet.


Was war da los?

Impressionen der Antiknasttage vom 4. bis 7. Oktober 2012 in DresdenAm Donnerstag dem 4. Oktober fand im Rahmen des Offenen Antifa Treffens (OAT)  die erste Veranstaltung der Antiknasttage statt. Vertreter_innen des Kollektivs CACITA  erzählten uns von der Situation der indigenen Bevölkerung in und den Aufbau des Widerstands durch ein breites gesellschaftliches Bündnis in Oaxaca. Der Kontrollverlust und die Unregierbarkeit dieser Region führte zu massiver Repression durch Polizei, Armee und Paramilitärs.

Weiter ging es am Freitag. Das Küfa Kollektiv Black Wok  hat für eine Woche die No-Border-Aktivist_innen in Calais, im Norden Frankreichs unterstützt. Die mobile Großküche hat mit und für MigrantInnen, die sogenannten „Sans-papier“, gekocht und sich mit deren Situation auseinandergesetzt. Nach einer allgemeinen Einleitung zum Thema Migration, folgte ein ausführlicher Bericht über die Erlebnisse und Zustände  in den Squats und Jungles in der Region um Calais.

Im Anschluss gab es vom Autonomen Knastprojekt Köln einen kurzen Input zum Thema Ersatzfreiheitsstrafe. Bußgeld zahlen, Arbeitsstunden leisten oder doch die Tagessätze absitzen? Während die einen versuchen auszubrechen, bezahlen die anderen durch das „Abdrücken der Knete“ die Reparatur der Gitter, finanzieren den Ausbau der Repressionsinstrumente. In der anschließenden Diskussion wurden grundsätzliche aber auch individuelle Fälle besprochen.

Der Samstag begann mit einem Resümee zur Kommunikation mit Gefangenen, denn eine Bewegung, die ihre Gefangenen vergisst, ist im Grunde politisch und moralisch tot! Ein Vertreter von Political Prisoners Hamburg argumentierte weswegen emanzipatorische Kämpfe nicht an den Gefängnismauern aufhören dürfen. Warum es wichtig ist, mit den Eingesperrten in Kontakt zu bleiben und was dabei zu beachten ist, wurde hier auch diskutiert. Hier findet ihr eine lange Liste mit Adressen von Gefangenen.

Am Samstagabend fand eine szenische Lesung aus der Broschüre „Solidarische Grüße aus dem Knast“ statt. Durch das Abhängen der Bühne wurde das Szenario Gefängniszelle (eine Lampe und ein Stuhl) in den Konzertsaal des AZ Conni geholt. In den vorgetragenen Texten kamen Gefangene aus aller Welt zu Wort. Sie berichteten von ihrem Alltag, ihren Träumen und Ängsten in den Gefängnissen verschiedener Länder. In der Broschüre finden sich Gedichte, Kurzgeschichten, Tagebucheinträge, Bilder und Karikaturen. Vorgetragen wurden Beiträge von Tommy Tank (JVA Torgau), Aymene (Saluzzo, Italien), Thomas Meyer Falk (JVA Bruchsal ), Arthur Konowalik (Rzeszów, Polen) u.a. Die Broschüre schildert auf eindrückliche Art und Weise Gedanken und Gefühle hinter Gittern. Sie kann hier online gelesen und bestellt werden.

Unter dem Titel „Eine Gesellschaft ohne Knäste?!“ gab es im Anschluss an die Lesung eine offene Diskussion. Diese erstreckte sich von der Analyse der Ursachen und Funktionen von Knästen bis hin zu Überlegungen, wie ein Zusammenleben ohne Repression gestaltet werden könne. Auch grundlegende Fragen, wie z.B.: „Was passiert mit Vergewaltigern und Mördern?“ „Wann und wo findet Repression in unserem Alltag statt?“ „Welche alternativen Modelle von Gerichtsbarkeiten werden jetzt schon angewendet und funktioniert das auch?“, wurden diskutiert.

Am Sonntag berichteten uns Vertreter_innen von Politcal Prisoners Berlin und Hamburg vom §129b StGB (Bildung einer kriminellen oder terroristischen Vereinigung im Ausland). Dieser wurde im Jahr 2002 in das deutsche Strafgesetzbuch eingefügt. Gerechtfertigt wurde die Ergänzung des StGB mit der zunehmenden Gefahr durch den Islamismus.
Ein Großteil der Verfahren nach §129b wird jedoch nicht gegen religiöse Fundamentalisten angewendet, sondern gegen türkische und kurdische Exil-Organisationen. Die Bundesrepublik macht sich so zum Handlanger der türkischen Justiz. Bei den in Deutschland geführten Verfahren werden unter Folter erpresste Geständnisse von der Staatsanwaltschaft verwendet. Außerdem ging es um die Schikanen und internationalen Verstrickungen, die der §129b bisher mit sich brachte. Mehr Infos findet ihr in der downloadbaren Broschüre „Solidarität muss praktisch werden!“

Danach gab es einige Hintergundinformationen zur Situation von Deniz K. Der 19-jährige sitzt seit 21. April in Nürnberg in Untersuchungshaft. In der Anklage der Staatsanwaltschaft wird ihm versuchter Totschlag an Polizisten vorgeworfen. Mit einer Fahnenstange aus Holz soll er versucht haben, gleich 5 Polizeibeamte während einer Demonstration am 31. März in Nürnberg umzubringen. Der Prozess wird Ende Oktober beginnen. Es gab kurze Infos über den aktuellen Stand des Verfahrens.

Weiterführend ist geplant, dass VertreterInnen des Solikomitees „Freiheit für Deniz K.“ ausführlicher über die Repression und die Haft von Deniz berichten. Vermutlich wird diese Veranstaltung an einem Donnerstag zum OAT stattfinden.


 Ausstellung und Versteigerung

Impressionen der Antiknasttage vom 4. bis 7. Oktober 2012 in DresdenVon Donnerstag bis Sonntag gab es in den Räumen des AZ Conni die Ausstellung „Kunst aus dem Knast“ zu bestaunen. Dabei handelte es sich um eingescannte Portraits, Fotos, Karikaturen und Zeichnungen von Gefangenen wie Bart de Geeter, Günther Finneisen, Filiz Gençer u.a.

Am Sonntag konnten alle Kunstwerke meistbietend ersteigert werden. Dadurch kam unerwartet viel Solikohle für Antirepressionsarbeit zusammen. Danke an alle Menschen, die mitgefiebert und mitgesteigert haben.


 Aktion am Knast

Impressionen der Antiknasttage vom 4. bis 7. Oktober 2012 in DresdenAm Samstagnachmittag fanden sich ca. 35 Personen zu einer spontanen Aktion vor der JVA Dresden zusammen. Ein Bollerwagen, beladen mit Generator und Box sollte die JVA mit lauter Musik und einem Redebeitrag beschallen. Auf Grund der Wind- und Wetterverhältnisse vermuten wir leider, dass der Schall nur wenige Inhalte in die Gefängnishöfe tragen konnte. Die akustischen Defizite wurden durch den Einsatz optischer Hilfsmittel (Pyrotechnik und Transparent) ausgeglichen. Zu hören und zu sehen waren außerdem Reaktionen der Gefangenen, wie z.B. winken und brüllen.

Nach ca. 15 Minuten unterbrach das eintreffende Blaulicht von ca. 10 Sixpacks die spontane Aktion. Die Ansammlung verstreute sich im Gelände, wobei der Schutz des Bollerwagen-Lautis nicht ausblieb. Die Bullen stellten einige Personalien fest und erteilten Platzverweise. Während der Personalienfeststellung waren ebenfalls solidarische Rufe („ACAB“, „Scheiß Bullen!“ usw.) aus den Zellen zu hören, da sich dies noch unmittelbar vor den Mauern der JVA abspielte. Es gab keine Festnahmen, so konnte das Programm nach einer Stärkung durch das Küfa Kollektiv Black Wok weitergehen.


 Am Ende…

Im Großen und Ganzen verliefen die Antiknasttage 2012 ohne große Zwischenfälle und Probleme. Jedoch müssen wir einräumen, dass es zu etlichen Verzögerungen im Programm kam, da einige Veranstaltungen später als geplant begannen oder die anschließenden Diskussionen mehr Zeit in Anspruch nahmen.

Zunächst hatten wir den Eindruck, dass Menschen, die sich weniger oder noch gar nicht mit dem Thema Knast beschäftigt haben, nur schwer den Vorträgen und Diskussionen folgen konnten. Jedoch gab es auch jenseits der Veranstaltungen, also an der Bar, beim Essen oder auf dem Hof angeregte Diskussionen. Vielleicht wäre es besser gewesen eine grundlegende Einführungsveranstaltung zum Thema (Anti-)Knast anzubieten, um die bestehenden Wissenshierarchien abzubauen.

Auch nach vier Tagen Input, war noch genug Power für bereichernde Gespräche und Vernetzungen vorhanden. Dies lag nicht zuletzt an der reichhaltigen und leckeren Verpflegung durch das Küfa Kollektiv Black Wok. Dieses freut sich immer über Anfragen um für politische Veranstaltungen zu kochen.

Abschließend möchten wir allen Beteiligten danken, die für den reibungslosen Ablauf der Antiknasttage gesorgt haben. Zu nennen wären da; alle Vortragenden, die Menschen hinter dem Mischpult, der Bar und in der Küche, sowie allen die sonst noch irgendwie mitgemischt haben.

Alle Veranstaltungen dieses Wochenendes wurden mitgeschnitten. Diese werden im Moment noch bearbeitet und sind demnächst bei mixcloud verfügbar.


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